Beten statt AHA – Christlicher Fundamentalismus in der ZEIT?

(c) Hoffotografen | Ralf Schöppner
(c) Hoffotografen | Ralf Schöppner

In der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 10. Dezember 2020 berichtet Navid Kermani im Kommentar "Dieses Lachen!" aus dem Iran von "Ajatollahs, die Massengebete als Infektionsschutz empfehlen". Da gibt es anscheinend monotheistische Einigkeit, denn in derselben Ausgabe bestätigen Evelyn Finger und Wolfgang Thielmann unter der Überschrift "Weihnachtsfest: Was uns dieses Fest bedeutet" bezugnehmend auf das Evangelium: "Doch gegen die eskalierende Infektionsgefahr genügt nicht allein Infektionsschutz, man braucht auch Trost, Zuversicht und etwas Verheißung." Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn wir Menschen uns in schwierigen Zeiten "Trost, Zuversicht und etwas Verheißung" bei Religionen oder anderen Weltanschauungen holen. Wenn man jedoch meint, damit gegen die "eskalierende Infektionsgefahr" angehen zu können, dann ist man sehr nah dran an Obskurantismus, Wissenschaftsfeindlichkeit und dem Wahnsinn grassierender Verschwörungserzählungen.

In derselben Ausgabe sekundiert ihnen die Kulturstaatsministerin und Katholikin Monika Grütters, die schon 2018 in ihrem Gastbeitrag "Wie viel Religion verträgt die Demokratie" die Leser_innen der ZEIT mit ihrer Rede von den "kulturell unbehausten" Nichtchrist_innen verstört hatte*. Im Interview "Wir bedürfen Gottes wärmender Botschaft" geht sie einmal mehr davon aus, dass auch den "kirchenferneren Menschen" das Weihnachtsfest und sein "christlicher Kern" ganz viel bedeute. Diese uns allen so viel bedeutende Bedeutung sei: Gott komme als kleines Kind zu uns, dieses schenke uns einen Neuanfang und bringe Licht ins große Ganze. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die empirischen Sozialwissenschaften diesen ministeriellen Befund, die meisten oder auch nur sehr viele Menschen würden Weihnachten diesen Sinn geben, bestätigen. Zusammen mit Fingers und Thielemanns offensichtlichen Zweifeln daran, dass es überhaupt Menschen geben könnte, die nicht glauben – "die behaupten, an gar keinen Gott zu glauben", ist hier in einer renommierten bürgerlichen Wochenzeitung doch eine gewisse christliche Übergriffigkeit zu konstatieren, die man doch eigentlich in religiösen Kreisen schon zu überwunden haben glaubte.       

*Lesen Sie hier den Kommentar zum Gastbeitrag von 2018 "Ohne Christen geht gar nichts oder: Die ganz normale christliche Selbstüberschätzung"

Über den Autor:

Dr. Ralf Schöppner ist Philosoph, Politik- und Literaturwissenschaftler, Dozent für Philosophie, Ethik und Kommunikation, geschäftsführender Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland und der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg.