Religion first? – Zwei neue Rezensionen auf humanismus aktuell

(c) Gabi Schoenemann / pixelio.de
(c) Gabi Schoenemann / pixelio.de

Auf das 500-jährige Jubiläum der Reformation 2017 folgte in diesen Tagen das 400-jährige des Dreißigjährigen Krieges, als dessen Auslöser der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 gilt. Die zehn Jahre währenden Feierlichkeiten der Lutherdekade (2008-2017) – in trauter Einheit von Kirche und Staat – wurden rechtzeitig vor den Nachwehen der Reformation, den von ihr mitverursachten Kriegen und Gräueltaten beendet. Die zahlreichen Debatten aber um die richtige historische Einordnung der Reformation und die Gegenwartsbedeutung des Christentums sind keineswegs beendet oder inaktuell geworden. Auf humanismus aktuell, dem eJournal für Kultur und Weltanschauung, sind jetzt die Besprechungen zweier im letzten Jahr, zum Ende der Reformationsfeierlichkeiten erschienener Bücher zu lesen, deren Fragen und Themen hinausreichen dürften über die Konjunkturen von Jubiläen.  

Cordula Bachmann bespricht den Band 10 der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg "Vielfalt statt Reformation" und hebt in ihrer Rezension die anhaltende Aktualität des Buches hervor. Die Wochenzeitung DIE ZEIT hatte im März 2018 ihre Leserinnen und Leser befragt, ob Deutschland ein christliches Land sei. Sehr viele der Befragten hatten das zwar bejaht, aber in kritischer Perspektive, denn sie wiesen den damit verbundenen Machtanspruch der Kirchen deutlich zurück. In diesen Antworten spiegele sich die vielfältige Kritik der Autorinnen und Autoren des besprochenen Bandes an der Überschätzung der historischen und gegenwärtigen Bedeutung des Christentums für Deutschland durch Religions- und Kirchenvertreterinnen.

Horst Groschopp vermittelt in seiner Rezension des interdisziplinären Sammelbandes der beiden Berliner Kulturhistoriker Richard Faber und Uwe Puschner: "Luther zeitgenössisch, historisch, kontrovers" einen prägnanten Eindruck von den auf fast 800 Seiten versammelten vierzig (sic!) Aufsätzen. Es geht um die Geschichte der Lutherjubiläen, den Bruch mit der alten Kirche, patriarchale Obrigkeitskonzepte bei Luther und im Luthertum, Luthers Antisemitismus, nationalistische und antisemitische Luther-Rezeption, Bibelexegese und Bibelübersetzung, reformatorische und humanistische Alternativen zum Luthertum, reformerischen Katholizismus sowie Luthers Umgang mit spätantiker und mittelalterlicher Philosophie. Vielleicht sage man später über dieses Buch, so der Rezensent, dass die beste Lektüre zum Schluss der "Lutherdekade" erschienen sei, aber noch rechtzeitig, um unübersehbaren und beabsichtigten Einseitigkeiten ein Achtungszeichen entgegenzusetzen.

Im Vorwort des Bandes wird u.a. als zentrale Frage aufgeworfen, ob die Einschätzung der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, dass Luther "ein Wegbereiter der Aufklärung und der Demokratie" gewesen sei sowie wesentlich "zur Formierung der westlichen Zivilisation" beigetragen habe, auch nur halbwegs zutreffend ist (S. 13/14). Dies ist insofern interessant, weil die Staatsministerin, die ja eigentlich eine Ministerin für alle Bürgerinnen und Bürger sein soll, auch jüngst wieder mit wenig pluralistisch anmutenden Äußerungen aufgefallen ist. In einem in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichten Beitrag hatte sie eine Einschätzung der Bedeutung des Christentums für Deutschland vorgelegt, die nicht unwidersprochen geblieben und in einer Antwort als "ganz normale christliche Selbstüberschätzung" kritisiert worden ist. Einige der Äußerungen dürften sogar erneut die Frage nach einer Diskriminierung nicht religiöser Menschen in Deutschland aufwerfen. Auch hierzu war erst 2016 eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erschienen, deren Ergebnisse demnächst auf der Veranstaltung "Religion first?" im Roten Rathaus in Berlin vorgestellt werden.  

Xenia Alvarez