Forschungsbereich 3: Politischer Humanismus - 3.1: Kosmopolitismus und Humanitarismus

Heinz-Bernhard Wohlfarth (c) Julia Wohlfarth
Heinz-Bernhard Wohlfarth (c) Julia Wohlfarth

Politischer Humanismus sucht nach Lösungen für schwere politische und humanitäre Konflikte. Vor dem aktuellen Hintergrund der globalen Rückkehr nationalistischer, autoritärer und extremistischer Strömungen unterstützt er die Bemühungen um eine Erneuerung des Humanismus

Forschungsbereich 3.1: Kosmopolitismus und Humanitarismus (Heinz-Bernhard Wohlfarth)

Aktueller Forschungbericht: ,,Kosmopolitischer Republikanismus'' (Heinz-Bernhard Wohlfarth, März 2019)

 

1. Systematisch-normative Perspektiven

Die Abteilung "Kosmopolitismus und Humanitarismus" verfolgt systematische und normative Interessen. Eine Grundannahme besteht darin, dass die Humanismus-Forschung trotz beeindruckender Ergebnisse als Disziplin alles in allem erst am Anfang steht.   

Für die Systematik wird der Vorschlag gemacht, den Humanismus in seiner Kernbedeutung als eine moderne und aufgeklärte Ethik aufzufassen, deren Konzept aus vier konstitutiven Elementen besteht, nämlich "Anthropologie", "Modernität", "Normativität" und "Kritik".

Eines der anthropologischen Gesetze besagt etwa, dass die Kultur die zweite Natur des Menschen ist. Eine spezielle Ausformung dieses Gesetzes ist die durch "Normativität" bestimmte menschliche Daseinsweise. Die "Modernität" der Betrachtungsweise von "Normativität" besteht unter anderem darin, dass universalistische Normen der Moral, der Politik und des Rechts unterschieden werden müssen von den partikularen Werten des guten Lebens. Der Sinn der universalen Normen ist es, jene konkreten Formen des guten Lebens zu schützen, die den universalen Normen (z.B. den Menschenrechten und dem Menschenrecht auf Demokratie) nicht widersprechen. Dazu ist "Kritik" erforderlich, verstanden als eine "Praxis" im klassischen Sinn, als eine selbstwerthafte Lebensform.

Die Beziehungen, die Gewichtungen, die Kombinationen und die Dynamik zwischen den vier genannten Elementen "Anthropologie", "Modernität", "Normativität" und "Kritik" können variabel und offen sein. Sie bilden das "Konzept" des Humanismus, das von den vielen Spielarten seiner Erscheinung - den "Konzeptionen" - unterschieden werden kann.

2. Konzept und Konzeptionen

Der Vorteil dieser formalen Herangehensweise liegt auf der Hand:

Zum ersten kann man so alle Manifestationen des Humanismus erfassen, ganz gleich ob  sie als Weltanschauungen, als soziale Bewegung, als Philosophie, als pädagogisches Konzept, als ästhetische Praxis etc. auftreten.

Zweitens erlaubt es diese Vorgehensweise einen unparteilichen Standpunkt gegenüber Selbst- oder Fremdbezeichnungen bestimmter Manifestationen als "Humanismus" einzunehmen sowie Manifestationen des Humanismus aufzuspüren, die von ihren Akteuren nicht als solche bezeichnet werden.

Drittens kann man durch die begriffliche Stufung von "Konzept" und "Konzeptionen" des Humanismus bei der Erforschung des Humanismus zwischen der normativen Kernbedeutung des Humanismus und seinen Rändern unterscheiden.

Viertens lassen sich durch die begriffliche Stufung verschiedene Konzeptionen des Humanismus untereinander vergleichen, in Debatten verwickeln und auf ihre Qualität und Überzeugungskraft hin überprüfen.

Schließlich – fünftens – sind wir imstande, die Bemühungen um das Gerechte und das Gute in humanistische, nichthumanistische und anti-humanistische zu unterteilen und aus der Perspektive eines politischen Humanismus der Kritik zu unterwerfen. Anti-humanistische Bestandteile oder Grundausrichtungen finden sich zum Beispiel in historischen oder aktuellen Erscheinungen der Sophistik (aktuelle Erscheinung: Postmoderne), im Ökonomismus (aktuell: Neoliberalismus) oder des Kollektivismus (aktuell: Populismus).

Das umgreifende normative Interesse gilt dem politischen Humanismus als einer Veränderungsethik.

3. Projekte

Das Projekt Nr. 1 Das Inkognito des Weltbürgers – Studien zum Humanismus und Kosmopolitismus beginnt mit einer Reihe von Vorträgen. Es versucht eine umfassende politische Antwort auf eine historische Zäsur zu geben, die sich vor unseren Augen auftut. Das seit Anfang der siebziger Jahre andauernde Wirken des Neoliberalismus bereitete den Boden für den Aufstieg des Nationalismus` und des Populismus.` Deren Ziele bestehen darin, die in der Nachkriegsordnung erreichten demokratischen und zivilisatorischen Fortschritte zurückzunehmen. Gegen die politischen Leitfiguren eines neoliberal verkürzten homo oeconomicus und des national beschränkten Staatsbürgers setzt der Humanismus die scheinbar fremde Figur des Weltbürgers. Das Inkognito dieses Fremden, der wir selbst sind, gilt es zu enthüllen.

Ausführlicher zu diesem Thema:

Heinz-Bernhard Wohlfarth: (2012). Das Inkognito des Weltbürgers. Betrachtungen zur universellen Veränderungspflicht aus Anlass des Erscheinens von Thomas Pogges "Weltarmut und Menschenrechte". humanismus aktuell, (Online-Ausgabe), (3/15), 1/2012. (7 Seiten.)

 

Das Projekt Nr. 2 Helfen oder Verändern – Das Grunddilemma des Humanitarismus ergreift den Untersuchungsgegenstand an seinem verletztlichsten Punkt, und fragt nach der Effektivität der jahrhundertealten Bestrebungen, schwere moralische Übel wie physische Gewalt und Armut zu beseitigen. Der Humanitarismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen steckt, so die Grundhypothese, in einer Selbstblockade fest. Die Ursache liegt in dem systemischen Paradox, dass die Asymmetrie der Macht zwischen Betroffenen und Helfern sowohl die Bedingung der Möglichkeit der Hilfe darstellt als auch der Grund des Dilemmas "Helfen oder Verändern.". Die Aufgabe einer Theorie des Humanitarismus besteht nun darin, herauszufinden, wie sich dieses Grunddilemma auf eine humane Weise auflösen lässt, ohne eine selbstzerstörerische neue Gewaltspirale zu entfesseln. 

Ausführlicher zu diesem Thema:

Heinz-Bernhard Wohlfarth: (2016). Humanitarismus. In: Hubert Cancik/ Horst Groschopp/ Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Humanismus: Grundbegriffe. In Zusammenarbeit mit Hildegard Cancik-Lindemaier. Unterstützt von Gabriele Groschopp und Marie Schubenz. Berlin/ Boston: de Gruyter, S. 31-38. (Weitere Informationen: http://www.humanismus-grundbegriffe.de/)

  

Das Projekt Nr. 3 ist überschrieben Die Pflicht zur Humanität – Johann Gottfried Herders Beitrag zu einer Veränderungsethik. Humanität ist der Grundbegriff des Humanismus. In Deutschland war es Herder, der Humanität als Schlagwort in die intellektuellen und politischen Debatten seiner Zeit einführte. Der aufrechte Gang wird ihm zum Sinnbild der Humanität, der moralischen Anlage des Menschengeschlechts und seiner Würde. Herders  freier Gebrauch dieses mehrschichtigen Begriffs der Humanität stiftete aber auch eine Tradition der Beliebigkeit. Eine systematisch-historische Rekonstruktion des Begriffs ist daher von großer theoretischer und praktischer Bedeutung. Im Zeitalter der Globalisierung gibt das Herdersche Programm sich als eine kosmopolitische Veränderungsethik zu erkennen: "Wenn jeder fühlt, er könne in seinem Verhältnis der allgemein leidenden Menschheit nicht zu Hülfe kommen, so müssen diese Verhältnisse geändert werden." (Briefe, die Fortschritte der Humanität betreffend, 1792) 

Ausführlicher zu diesem Thema.

Heinz-Bernhard Wohlfarth: (2011). Aufrechter Gang und Humanität. Johann Gottfried Herders Beitrag zu einer Veränderungsethik. humanismus aktuell, (Online-Ausgabe), (2/14)), 1/2011. (21 Seiten.)

  

Die praktische Bedeutung der Humanität soll im Projekt Nr. 4 Aufrechter Gang – Grundzüge einer Veränderungsethik vertieft werden. Die Veränderungsethik ist eine Verantwortungsethik, die uns darüber belehrt, in welchen Situationen wir unserer Verantwortung nur dadurch gerecht werden, wenn wir die Rahmenbedingungen unseres Handelns, die in den Institutionen verkörpert sind, ändern. Die Untersuchung knüpft an die Hermeneutik des aufrechten Gangs an. Dieses menschliche Monopol wurde von Ernst Bloch zur Parole einer republikanischen politischen Ethik erhoben. Der systematische Hauptteil begründet eine humanistische Veränderungsethik, die sich aus einer auf universalistischen Normen beruhenden Pflichten-Lehre und einer auf partikularen Werten des guten Lebens beruhenden Empfehlungs-Lehre zusammensetzt.   

Ausführlicher zu diesem Thema:

Heinz-Bernhard Wohlfarth: (2013). Politischer Humanismus und universelle Veränderungspflicht. Horst Groschopp (Hrsg.): Humanismus – Laizismus – Geschichtskultur. Aschaffenburg: Alibri, 203-220. (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin, Bd. 6.)

 

Kontakt

Dr. Heinz-Bernhard Wohlfarth
Sorauer Str. 2
10997 Berlin
hb.wohlfarth@humanistische-akademie-berlin.de
hb-wohlfarth.de (im Aufbau)

 

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FB 2: Humanismus und Gesellschaft 

FB 3: Politischer Humanismus/3.2: Humanismus und Frieden 

 

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