Mit Schichtwechsel die Sicht wechseln

Was haben drei Lebenskundelehrerinnen, ein Polizist, ein Tanzlehrer, ein Siemens-Mitarbeiter und eine Grafikerin miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts! Sie befinden sich an einem Donnerstagfrüh um 7.30 Uhr lediglich gemeinsam in einem Raum mit wunderschönem Ausblick auf das ehemalige Schlachthofgelände in Friedrichshain und schauen sich und den nett gedeckten Frühstückstisch an. Auf den zweiten Blick sehr viel! Sie sind Schichtwechsler und tauschen heute am 12. Oktber 2017 ihren Arbeitsplatz mit Beschäftigten von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen.

Wir stehen bei INTEGRAL e.V., einem Träger von Betreuungs- und Hilfsangeboten für Menschen mit Behinderungen, werden von dem Werkstattleiter Fried Gebhardt herzlich begrüßt und mit zahlreichen Informationen erstversorgt. Dieser Verein hat seine Wurzeln in der kritischen Bürgerbewegung Ende der 1980er/Anfang 1990er Jahre und sein Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine weitgehend selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen, durch professionelle Betreuung, Therapie, Förderung und Begleitung von Menschen mit Behinderungen in vielfältigen Projekten und Mitarbeit in verschiedenen Gremien (Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, BAG/LAG der Werkstätten für Behinderte). Die Werkstätten sind die Nachfolgerinnen der ehemaligen Rehabilitationswerkstätten des Klinikums Berlin-Buch, die seit den 1960er Jahren bestanden. Sie bieten heute Berufsbildungs- und Arbeitsbedingungen für Menschen mit physischen und psychischen Beeinträchtigungen an, auch zielgerichtet bis zum Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Der Aktionstag SCHICHTWECHSEL funktioniert nicht 1:1. Ich bin Lebenskundelehrerin und in meiner Schule unterrichtet jetzt keine/r der INTEGRAL-Mitarbeiter_innen. Doch es wäre denkbar und wünschenswert, dass sie mich und meine Schüler_innen besuchen kommen und  unseren Lebenskundeunterricht mitmachen oder etwas beitragen könnten. Deshalb bin ich hier, um Eindrücke zu gewinnen, Menschen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, Potenziale zu erkennen und meinen Horizont zu erweiten. Ich möchte mir Gedanken machen, wie wir zusammenkommen und gemeinsam etwas machen können als Menschen mit und ohne Behinderungen und Beeinträchtigungen. Es geht um Gemeinsamkeit, um menschliche Begegnungen und die Verknüpfung unterschiedlicher Lebenswelten. Es geht um Inklusion. Und dass die auf Gegenseitigkeit beruhen darf und soll, macht diesen Tag zu einem beeindruckenden und wiederholungsbedürftigem Erlebnis. Als erstes bekomme ich eine Deutschstunde „verpasst“. Freundlich empfangen mich die Heilpädagogin Katrin Fischer und vier ihrer Schüler_innen. Gemeinsam lösen wir Bilderrätsel und setzen Wörter zusammen, erst auf dem Arbeitsblatt, dann am Computer. Lernen ist auch Arbeitszeit, das gehört zum Konzept der Werkstätten: Alphabetisierung für Anfänger und Fortgeschrittene, Gesundheit fördern, Lesen und Schreiben in Biologie/Ökologie, Länderkunde, Englisch, Rechnen mit Geld, Internet und Smartphone, Schreiben am PC. Die Kurse beginnen und wechseln halbjährlich. Zum Tagesablauf vieler INTEGRAL-Mitarbeiter_innen gehören auch Schachspielen, Sport und Ergotherapie. Während Frau Fischer und ich noch über den Schulalltag plaudern, ich ihr ein paar Filmtipps gebe, mit denen man gut im Unterricht arbeiten könnte und sie mich zur nachmittäglichen Zeitungsgruppe einlädt, kommt Cornelia Schröder zur Tür herein, um mich für einen Rundgang abzuholen, den sie selbst gestaltet. Aufgeregt fragt sie mich nach jeder Vorstellung, ob sie es denn gut machen würde und ich versichere ihr jedes Mal, dass sie es sehr gut macht. Bravourös und mit Kennermiene führt sie mich durch alle Abteilungen, weiß ganz genau, was dort getan wird. Schließlich hat sie in einigen Bereichen selbst gearbeitet, und sie kennt fast alle Leute. Wir spazieren durch Werkstätten, in denen wird Verpackung gefaltet, gelötet, Meersalz abgepackt. In einem Büro werden Botengänge organisiert: die Mitarbeiter_innen fahren mit ihren BVG-Tickets quer durch ganz Berlin und überbringen wichtige Papiere. Zwischendurch erfahre ich, dass Cornelia in einer eigenen Wohnung lebt, gern Radio hört und abends früh ins Bett geht. Außerdem geht sie heute Nachmittag mit ihren Freundinnen noch zu einem betreuten Treffen, wo sie über die Weihnachtsfeier beraten wollen.

Schließlich landen wir in ihrer Abteilung, an ihrem Arbeitsplatz. Ich darf mich dazusetzen und sie zeigt mir, wie geschickt sie Filter für Urinbeutel vorbereitet. Neugierig schaue ich mich um. Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und Behinderungen werkeln geduldig an ihren Tischen. Die Atmosphäre ist entspannt. Das Radio läuft im Hintergrund. Schräg gegenüber macht ein Kollege gerade ein Päuschen mit geschlossenen Augen. Auf einer selbstgebastelten Tafel stehen Sprüche für den gegenseitigen Umgang: Wir sind freundlich zueinander, wir hacken nicht, wir lassen ausreden und hören zu, lese ich schmunzelnd. Diese Leitsätze könnten auch glatt in meinem Lebenskunderaum stehen. Auf Nachfrage erklärt der Gruppenleiter, ein gelernter Korbflechter und ausgebildeter Heilpädagoge, dass sie alle gemeinsam diese Verhaltensregeln in ihren Gesprächskreisen aufgestellt haben. Und freitags wird immer zusammen geflochten, fügt er lachend hinzu. An den Wänden hängen wunderschöne und äußerst kreative Korbflechtobjekte.

Um 11 Uhr bietet der Polizist einen Vortrag über die Arbeit bei der Polizei an. Er wird ein zahlreiches, sehr interessiertes Publikum vorfinden und eine Menge Fragen beantworten. Cornelia und ich, wir entscheiden uns für den Tanzworkshop, den heute der schichtwechselnde Tanzlehrer anbietet. Der Raum ist voller IntegralerInnen und es herrscht gespannte Stimmung. Oliver, der früher mal an der ersten Staffel von „let’s dance“ teilgenommen hatte, hat bunte Tücher, eine nette Schrittkombi und natürlich gute Musik mitgebracht. Sofort wird es fröhlich und ausgelassen und wir haben sehr viel Spaß. Auch Cornelia hält tapfer mit, aber ihre Miene ist angespannt. Nach 30 Minuten klatschen alle Beifall und verabschieden sich herzlich von Oliver. Einige wollen sogar ein Autogramm und verraten, dass sie alle Staffeln der Show im Fernsehen gesehen haben. Cornelia allerdings ist froh, dass es vorbei ist. Sie sieht völlig geschafft aus. Beim Mittagessen erzählt sie mir, dass ihr das alles jetzt zuviel war und sie jetzt dringend eine Pause braucht. Mir wird deutlicher, was Inklusion auch bedeutet, nämlich genaues Beobachten und Wahrnehmen der unterschiedlichen Bedürfnisse meiner Mitmenschen und was an diesen Werkstätten gut ist: sie bieten einen gesicherten und strukturierten Raum, vielfältige Möglichkeiten der Betätigung und individuellen Schutz.

Und dann merke ich, auch ich brauche eine Pause. So viele Begegnungen, Eindrücke, Menschen und Geschichten. Ich suche den Raum mit dem wunderschönen Ausblick und denke an einen duftenden Kaffee. Und tatsächlich in der Kaffeeküche, kurz vor dem Raum, steht ein Mann, der mir gedankenlesend einen Kaffee anbietet. Joachim Hanff ist 1. Vorstandsvorsitzender von INTEGRAL und ein Mitbegründer des Vereins. Er setzt sich mit dem Kaffee zu mir und wir kommen ins Gespräch. Schnell landen wir bei den wichtigsten Fragen: Welche Perspektiven haben Schichtwechsel-Tage wie dieser? Was können wir gemeinsam noch tun? Welche Ideen und Aktionen bringen uns zusammen, lassen uns gut miteinander leben und erleben? In der großen Schichtwechsel-Abschlussrunde sind auch das die Fragen, die uns bewegen, die wir mit nach Hause und in unsere Arbeitsplätze tragen werden, die wir miteinander bereden wollen. Mit Schichtwechsel die Sicht wechseln und das nicht nur an einem Tag im Jahr.

Im Blog der Schichtwechseler_innen vermitteln die Beschäftigten der Werkstätten einen authentischen Eindruck ihrer beruflichen und persönlichen Situation in Worten und Bildern. Außerdem bietet die Website weitere Informationen zum jährlichen Aktionstag und den Teilnahmemöglichkeiten.

Kontakt

Sven Thale
Bildungsreferent

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