• Alexandra Gerken ist am 12. September 2019 überraschend gestorben
    Alexandra Gerken ist am 12. September 2019 überraschend gestorben

Auffangen und Halt geben - Ein Nachruf auf Alexandra Gerken

Manchmal ist die Welt innerhalb einer Minute eine andere. Ein Schlaganfall, eine Herz-Operation, eine einsetzende Demenz – es gibt viele Gründe, warum Menschen plötzlich pflege- oder betreuungsbedürftig sein können. Für Alexandra Gerken war es immer wichtig, dass die Menschen in Berlin wissen, an wen sie sich in solchen Fällen wenden können: an den Humanistischen Betreuungsverein.

Vor genau zwanzig Jahren kam sie zum damaligen Humanistischen Verband Berlin, beauftragt mit der Weiterentwicklung der damals noch in den Kinderschuhen steckenden humanistischen Betreuungsarbeit. Sie zog vom Prenzlauer Berg in größere Räume im Wedding und schuf dort den ersten Anlaufpunkt. Als Leiterin verantwortete sie die gesetzliche Betreuungs- und Vorsorgearbeit. Schnell wurde klar, dass das in einer älter werdenden Gesellschaft allein nicht zu bewältigen ist, weshalb Alexandra Gerken die ehrenamtliche Betreuungsarbeit ausbaute. Ziel war es, Menschen zu gewinnen, die die rechtliche Vertretung von betreuungsbedürftigen Menschen ehrenamtlich übernehmen. Dafür entwickelte sie ein Fortbildungsprogramm, um Angehörige und Freiwillige zu schulen und fit für die Betreuungsarbeit zu machen.

Darüber hinaus brachte Alexandra Gerken verbandseigene Vorsorge- und Betreuungsvollmachten mit auf den Weg und engagierte sich intensiv und bestimmt für den Aufbau eines Humanistischen Vorsorgenetzes. Muss man, wie wir nun, ein Fazit ziehen, dann das, dass dieses Modell, rechtssichere Beratung und praktische Unterstützung mit dem Aufbau eines ehrenamtlichen Netzwerkes zusammenzuführen, nicht nur erfolgversprechend war, sondern sein Versprechen auch einhielt. Alex Gerken hatte entscheidenden Anteil an der Gewinnung zweier weiterer Bezirke Berlins für die Humanistische Betreuungsarbeit, die es seit 2013 auch in Pankow und Reinickendorf gibt. Die anfänglichen Zweifel ihrer Vorgesetzten an der Machbarkeit der ambitionierten Vorhaben konnte sie mit ihrem Erfolg vollständig ausräumen. Die Anzahl der Betreuer_innen wuchs um mehr als das Doppelte, 300 ehrenamtliche Betreuer_innen stehen zur Verfügung. Unsere gesetzlichen Betreuer_innen begleiten jährlich etwa 270 Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen, unterstützen bei der Durchsetzung der Rechte der Betreuten, sorgen für einen geregelten Alltag, teilen Geld ein, organisieren die gesundheitliche und pflegerische Versorgung und müssen oft verantwortlich existenzielle Entscheidungen im Namen der Betreuten treffen. Alexandra Gerken hatte dabei eine Vorreiterinnenrolle inne.

Alexandra Gerken war es immer wichtig, dass jemand da ist, wenn sich Menschen davon überfordert fühlten, wenn sich die Welt von einem Moment auf den anderen änderte. Sie wollte auffangen und Halt geben, wenn das Leben plötzlich aus den vertrauten Bahnen springt. Wenn Eltern, Lebenspartner_innen, Freund_innen oder Nachbar_innen plötzlich damit konfrontiert sind, dass ein geliebter und eben noch selbstbestimmter Mensch nicht mehr allein die Entscheidungen für sein Leben treffen kann, die es zu treffen gilt.

Die zunehmende Verantwortung als Projektleitung einer Einrichtung mit vielen Mitarbeiter_innen hatte auch zur Folge, dass sie nicht mehr in dem Maß selbst betreuen konnte, wie sie das gern getan hätte. Es lag immer etwas Wehmut in ihrer Stimme, wenn sie davon sprach, wie erfüllend der direkte Kontakt zu den Menschen, die Unterstützung brauchen, für sie ist. Sie hat sich immer dafür eingesetzt, dass gesetzliche Betreuung, die immer auch ein Eingriff in ein anderes Leben bedeutet, durch die Unabdingbarkeit von Handlungen limitiert ist, dass Selbstbestimmung Grundprinzip bleibt, soweit sie möglich ist. Oft hat sie Dankbarkeit und Ermutigung erfahren.

Alexandra Gerken machte immer wieder die Erfahrung, dass die Last der alleinigen Verantwortung von den Schultern der Betreuten verschwindet, wenn sie erst einmal spüren, dass da jemand ihre Welt, die von einer Sekunde auf die andere eine neue, unbekannte ist, zusammenhält. Das motivierte sie und trieb sie an.

Als Alexandra Gerken an Krebs erkrankt ist, steckte sie den Kopf nicht in den Sand. Sie nahm den Kampf selbstbewusst und in aller Verantwortung an. Sie bot dem "König aller Krankheiten" mutig die Stirn und schien ihn besiegt zu haben. Als wir zuletzt von ihr hörten, plante sie schon ihre Rückkehr in unsere Reihen. Am Abend des 12. September starb Alexandra Gerken überraschend im Krankenhaus.

Nun sind wir es, deren Welt sich von einer Sekunde auf die andere geändert hat. Wir würden uns jetzt gern an sie wenden, aufgefangen und gehalten werden, ihre stete Freundlichkeit spüren, ihr Lachen hören. Doch sie ist nicht mehr da. Ihr Tod macht uns einmal mehr demütig vor dem endlichen Leben, das wir in der nächsten Zeit noch bewusster selbst in die Hand nehmen und gestalten werden. Wir werden uns dabei an Alexandra Gerken erinnern und über sie reden. Wir werden dankbar auf die Zeit zurückblicken, die wir mit ihr teilen konnten. Und spüren, wie sehr sie fehlt.

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Thomas Hummitzsch
Leitung des Referats für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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