Rückblick Podium Frauentag: Macht Macht Hirnschaden?

Annähernd 100 Gäste hatten sich am Frauentag 2019, in Berlin zum ersten Mal ein Feiertag, zur Veranstaltung der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg "Frauen, Männer, Menschen: Patriarchat ist Mist" versammelt. Die Besetzung des Podiums mit Frau und Mann, mit Mithu Sanyal und Karsten Kassner, war Programm: Womöglich leiden auch Männer in einer von patriarchalischen Strukturen dominierten Gesellschaft.

Kapitalismuskritik statt Geschlechterkategorien

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal, Autorin von "Vulva: die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" (Neuauflage 2017) und "Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens" (2016), hatte das erste Wort: Es gebe im feministischen Diskurs eine problematische Verlagerung, weg von gesellschaftlichen Strukturen hin zu Individuen – wie z.B. "egoistische Männer" – und der naiven Forderung nach Problemlösungen durch individuelle Anstrengungen von Frauen und Männern. Merkwürdig sei auch, dass es beim Thema Geschlecht immer nur um Frauen zu gehen scheint. Sanyal sprach sich für gesamtgesellschaftlichen Gegenentwürfe aus: Wenn in einer Gesellschaft Frauen kontrolliert und Männer verheizt würden, dann sei Kapitalismus der gemeinsame Gegner und man müsse zurückkehren zu deutlicher Kapitalismuskritik. Man brauche nicht "mehr Frauen in Dax-Vorständen", sondern ein anderes gesellschaftliches Verständnis von Status.

Konkret sprach sie sich z.B. für die Quotierung von männlichen Erziehern in Kitas aus, getreu dem Motto: "Gekuschelt wird nicht nur mit Frauen". Hier gehe es um die wichtige Schaffung einer egalitäreren Frühumgebung für Kinder, selbst wenn klar sei, dass Quoten nicht automatisch für gute Pädagogik sorgen. Ebenso wenig wie Frauen-Quoten in der Politik notwendig bessere Politik durch "gute empathische Frauen" garantierten. Allerdings sei es die Idee demokratischer Politik, dass alle Interessensgruppen gleichberechtigt vertreten sein sollten. An dieser Stelle hätte man durchaus einhaken und kritisch diskutieren können, ob dies nicht ein falsches, rein lobbyistisches Verständnis des Politischen sei. Denn demokratische Politikerinnen und Politiker sollten sich eigentlich dem allgemeinen und nicht nur einem partikularen Wohl verpflichtet fühlen.      

Insgesamt käme es heute – so Sanyal – vor allem darauf an, individuelle Unterschiede zu machen anstatt sich in einfachen Geschlechterkategorien zu ergehen. Für große Erheiterung beim durchaus gemischten Publikum sorgte ihre These "Macht macht Hirnschaden", Studien würden zeigen, dass bei Akteurinnen und Akteuren in Machtpositionen die Spiegelneuronen absterben.

Downsizing im Bundesforum

Laut Karsten Kassner vom Bundesforum für Männer entstehe Interesse am Thema Geschlechterfragen bei Männern häufig durch Vaterschaft. Sie erkennen dann Herrschafts- und Machtverhältnisse und ihr problematisches Verständnis von Männlichkeit, sie würden sensibler für die bewusste Beziehungsgestaltung und für die alltägliche Standardherausforderung, gegen vorgegebene Strukturen arbeiten zu müssen. Angesichts der von Sanyal geforderten und vom Publikum begrüßten Kapitalismuskritik machte er die Notwendigkeit eines "Downsizing" deutlich. Insbesondere im Hinblick auf die Möglichkeiten seines Arbeitgebers, eines Dachverbandes mehr als 30 unterschiedlichster Verbände, sei es wichtig, sich auf konkrete Probleme zu konzentrieren: Arbeitsbedingungen, Organisation von Sorgetätigkeiten usw.  In den letzten Jahren sei im "Kleinen" doch manches erreicht worden, z.B. würden 1/3 der Väter mittlerweile Elterngeld beantragen. Kassner sprach auch weitergehende Modelle wie die Einführung von Familienarbeitszeitkonten für den gesamten Lebenslauf an oder stellte die beitragsfreie Mitversicherung in den Sozialversicherungen in Frage.

Aus dem Publikum wurde ob dieses "Downsizings" von Frauen spontan und interessiert nachgefragt: "Gibt es Abende, wo ihr Männer da zusammensitzt und z.B. darüber diskutiert, dass auch ihr keinen Bock mehr habt auf gesellschaftliche patriarchale Strukturen und diese ewige Kritik an euch Männern?" Kassner verneinte dies, verwies auf andere Männergruppen, Teil der Lobbyarbeit beim Bundesforum sei dies aber nicht. Eine Antwort, die aber nur erstauntes Weiterfragen auslöste: "Warum diskutiert ihr so was nicht?" Ob seine sachlichen Erläuterungen zur Arbeit eines auf Lobbyarbeit verpflichteten Dachverbandes die Gemüter besänftigen konnten, schien fraglich.

Viel Dialog

Die Moderatorin des Abends, Tina Bär von der Humanistischen Akademie, gab erfreulicherweise viel Raum für Redebeiträge der diskussionsfreudigen Gästeschar. An die 20 verschiedene Personen kamen zu Wort, was aber nicht alle Gäste gleich gut fanden, weil sie mehr Input vom Podium wünschten und weil naturgemäß auch nicht alle Publikumsbeiträge gleich produktiv und interessant ausfielen. Dabei war es doch erfrischend, dass mal wieder intensiv diskutiert wurde über Matriarchat und Patriachat, Kapitalismus und Sozialismus, "toxische Männlichkeit", die Reflexion der je eigenen und fremden "Evolution", die Forderung "Sorgepflicht" statt Sorgerecht bis hin zum Ehegattensplitting: Es sei "steuerrechtlich günstiger, Schweine zu züchten als Kinder aufziehen".

Viel Beifall gab es für Beiträge, die die Vorherrschaft hochgestochener akademischer Vokabulare im Gender-Diskurs – inkl. z.B. auch des Begriffs Patriarchat – kritisierten, weil diese allzu viele Leute abschreckten, die sich eigentlich für feministische Themen interessieren würden. Nicht aus blieb die Mahnung, dass die eingangs akzentuierte Perspektive, auch Männer profitierten womöglich nicht alle und nicht ausschließlich vom Patriarchat, nicht dazu führen dürfe, das nun vornehmlich die Männer als Opfer bemitleidet würden.

Insgesamt ein bunter Abend bei der Humanistischen Akademie, für einen Feiertag wurde die Anwesenden ausnehmend gut unterhalten und unterrichtet. Selbst dann, wenn man u.a. gekommen war, um "abzugucken, wie cool Leute argumentieren können", so launig eine Teilnehmerin.

Ralf Schöppner

 

 

 

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