Rückblick: Zu viel Identität? Ein Dialogforum zur Bedeutung von Religion und Weltanschauung für Integration

Eine ganze Reihe humanistisch-säkularer Verbände aus Berlin und Brandenburg, darunter der Humanistische Verband, die Evolutionären Humanisten, der IBKA und die Humanistische Akademie, hatte am 10. November 2018 zum Dialog in die Humboldt-Universität geladen. Gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa diskutierten ca. 120 Gäste im Podium und an Dialogtischen. 

Die Überbetonung weltanschaulicher und religiöser Identität

Nach einer mit vielen inhaltlichen Aspekten angereicherten Begrüßung durch Staatssekretär Gerry Woop stimmte der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem von der Universität Siegen Publikum und Podium auf das Thema "Eskalations- und Friedenspotentiale religiöser und weltanschaulicher Identitäten" ein. Zwar gebe es bei der Konstruktion kollektiver Identitäten stets ein ganz normales Maß an wertender oder geringschätzender Unterscheidung: Distinktionalität. Und auch weltanschauliche und religiöse Identitäten formten sich dergestalt durch Integration nach innen und Distinktion nach außen. Aber diese normale Distinktionalität könne eben auch jeder Zeit zu Freund-Feind-Schematisierungen und Gewalt eskalieren. So werde das Eskalationspotential insbesondere befördert, wenn das Selbstverständnis einer Gruppe dominiert sei von einem ablehnenden Bezug auf eine andere Identität und nicht durch eigene positive Festlegungen.

Dem weltanschaulichen Humanismus zugeneigte Gäste mochten sich an dieser Stelle an Diskussionen um ein modernes humanistisches Selbstverständnis erinnern. Denn dort ist man inzwischen deutlich dazu übergegangen, Humanismus nicht mehr dominant als nicht-religiös, sondern primär mit Überzeugungen wie Selbstbestimmung, Verantwortung, Toleranz, Kritik und Weltlichkeit zu bestimmen. Zugleich wäre es aber – vorausgesetzt es stimmt, dass Distinktion ein ganz normales Konstruktionsprinzip kollektiver Identitäten ist – eine Illusion, anzunehmen, man könne völlig auf eine negative Abgrenzung verzichten. Es ginge dann eher um Grade und Mischverhältnisse, was die Sache sicherlich nicht vereinfacht. 

Bergem versprach sich eine Einhegung des Eskalationspotentials weltanschaulicher und religiöser Identitäten insbesondere durch die Einsicht, dass Personen an diversen kollektiven Identitäten teilhaben: Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit, Schicht, Beruf, Kultur, aber auch Werte, Fähigkeiten, Präferenzen, Hobbies. Die jeweilige weltanschauliche oder religiöse Identität sei ja nur eine unter vielen und die Überschätzung ihrer Bedeutung durch ihre Protagonisten berge enormes Eskalationspotential. Insbesondere dann, wenn diese Überformung aller Aspekte der personalen Identität durch den Aspekt Weltanschauung/Religion auch noch verbunden sei mit dem Beharren auf unbedingter Geltung eigener Positionen und dem Bedürfnis nach hermetischer Abgrenzung von innen und außen.

 

Video: Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Bergem

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Gute und schlechte Religion

Sollten den weltanschaulichen und religiösen Gästen auf dem Podium angesichts dieser Ausführungen die Ohren geklingelt haben, so ließen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Der Religionspädagoge und evangelische Theologe Rolf Schieder verschob das Problem des Eskalationspotenzials in zwei Richtungen. Er sah nicht so sehr die Religion als Problem, sondern vielmehr die weltweit anzutreffende Vermengung von religiöser und nationaler Identität sowie die Vielzahl apokalyptischer Diskurse (Pegida, die Flüchtlings-/Integrationsdebatte, die Orthodoxe Kirche in der Russischen Föderation oder die Evangelikalen in den USA). Helmut Fink dagegen, Vorsitzender des Koordinierungsrates säkularer Organisationen (KORSO), wollte das Problem nicht ganz so an den Rand geschoben sehen. Zwar werde in demokratisch-pluralistischen Gesellschaften das Bedrohungs- und Unterdrückungspotenzial von Religion nicht mehr als zu stark empfunden, dennoch gebe es ,,religiöse Dominanz‘‘ und ,,Zähmung der Religion" sei in mancherlei Hinsicht nach wie vor nötig. Ganz zu schweigen von der oftmals lebensgefährlichen Situation säkularer Menschen in einigen Ländern der Welt. Das Gefahrenpotenzial der Religion könne am besten durch den säkularen – weltanschaulich neutralen – Staat kontrolliert werden. 

Natürlich blieben sodann auch die Säkularen nicht von kritischen Nachfragen verschont. Die praktizierende Buddhistin Carola Roloff, Gastprofessorin an der Akademie der Weltreligionen in Hamburg, warf die Frage auf, ob es umgekehrt nicht auch zu einer Dominanz des Säkularen kommen könne, ohne Augenhöhe zur Religion. Auch Deborah Feldman, Autorin des biografischen Romans "Unorthodox", der ihre Befreiung aus einem orthodoxen jüdischen Milieu schildert, argwöhnte vorhandene Freund-Feind-Schemata bei Säkularen, die auf Ausgrenzung und Benachteiligung von Religiösen zielten. Von muslimischer Seite brachte Eren Güvercin von der Kölner Alhambra Gesellschaft den Aspekt ein, dass zu viel staatliche Kontrolle von Religion und Weltanschauung gepaart mit mangelnder staatlicher Gleichbehandlung der unterschiedlichen Gemeinschaften erfahrungsgemäß eher zu einer unerwünschten Radikalisierung und Nationalisierung führe. 

Kleider machen Leute?

In den deutschen und europäischen Debatten um Integration spielt bekanntlich die Frage religiöser Kleidung eine prominente Rolle. Es war wohltuend, dass der Moderator Sven Speer vom Forum für offene Religionspolitik diese Frage einmal nicht sofort in Richtung "Kopftuch", sondern an den Buddhismus adressierte. Carola Roloff berichtete von der Erfahrung, dass ihr so manche Tür verschlossen bleibt, seitdem sie das Nonnengewand trage. Die Fähigkeit zur Neutralität und zur Offenheit gegenüber anderen Religionen werde automatisch in Frage gestellt. Eine liberale Einstellung bemesse sich nicht an der Kleidung, auch der "western dress code" garantiere gar nichts.  Deborah Feldman hielt dagegen: Sie habe die jüdischen Kleidungsvorschriften für Frauen als religiöse Uniform und bewusstes Zeichen der harten Abgrenzung nach außen hin erlebt. Erst nach Ablegen ihrer religiösen Kleidung sei die Entfaltung einer eigenen individuellen Identität möglich gewesen.

Da war es nun Zeit, die ausgewiesene "Praktikerin" der Runde, Katja Labidi, zu Wort kommen zu lassen, die die Flüchtlings- und Nachbarschaftsprojekte des Humanistischen Verbandes in Berlin und Brandenburg betreut. Die wesentliche Erfahrung bei dieser konkreten Integrationsarbeit: Man müsse den Blick mehr auf die Individuen statt auf kollektive Symbole richten. Die Projekte ermöglichten lebensnahe Begegnung von Alteingesessenen und Dazukommenden, manche Fronten und Vorurteile spielten plötzliche keine Rolle mehr. Das sei die Grundlage auch für individuelle (Neu)Findungen oder Erfindungen einer eigenen religiösen oder säkularen Identität, vor allem für Geflüchtete. Aber auch Konflikte wurden von Labidi offen benannt: Insbesondere säkulare Geflüchtete erfahren in den deutschen Unterkünften für Geflüchtete vereinzelt Druck, sind sogar (Mord)Drohungen ausgesetzt oder werden aufgefordert, sich wieder religiösen Vorschriften zu beugen. Auch die Praxis – so konnte das Publikum schlussfolgern – zeigt die Nähe von Eskalations- und Friedenspotenzialen. 

 

Video: Podiumsdiskussion mit Deborah Feldman, Helmut Fink, Eren Güvercin, Katja Labidi, Dr. Carola Roloff, Prof. Dr. Rolf Schieder. Moderation: Sven Speer

 

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Integration durch Praxis

Einig waren die Podiumsgäste, dass es zukünftig einer – aktuell nicht gegebenen – staatlichen Gleichbehandlung der verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bedürfe, um insbesondere auch deren Friedenspotenziale zur Geltung kommen zu lassen. Im Buddhismus lägen diese vor allem in der nicht-theistischen, ja "atheistischen" Grundhaltung, so Roloff. Und ihre gemeinsame Arbeit mit monotheistischen Religionen zeige darüber hinaus, dass der diesen oftmals zugeschriebene pauschale Absolutheitsanspruch gar nicht immer zutreffend sei. Manchmal gebe es gar mehr Gemeinsamkeiten mit Theologen aus anderen Religionen als mit den eigenen. Wesentlich für gesellschaftliche Integrationsprozesse, und dies schien auch wieder Konsens auf dem Podium zu sein, sei neben der Intensivierung von Dialog und Begegnung vor allem auch eine auf Gleichberechtigung basierende Angebotsstruktur im Bildungsbereich und in anderen Praxisfeldern wie z.B. im Bereich der Seelsorge.

Die Podiumsgäste hatten an diesem Tag einiges zu bieten, gezeigt haben sie vor allem, dass Vertreter_innen von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bereit sind, sich den kritischen Fragen nach den Gefahren- und Eskalationspotentialen weltanschaulicher/religiöser Identitäten zu stellen. Dass dabei vielleicht die konkreten Friedenspotentiale nur eher performativ im kritischen Dialog vollzogen und implizit genannt wurden, sollte zu verschmerzen sein. Denn zum einen neigen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in ihren Selbstdarstellungen in der Regel nicht dazu, ihre positiven Potenziale zu verschweigen, und zum anderen ist das Bewusstsein der eigenen Gefahrenpotentiale ein starkes Friedenspotential für Integrationsprozesse.

 

Ralf Schöppner 

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