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Erfahrungsberichte Selbsthilfe

Auf dieser Seite teilen Menschen aus Selbsthilfegruppen Ihre Erfahrungen in der Selbsthilfe mit uns! Wir danken Nora Fieling für Ihren Beitrag.

Zusammen und nicht allein - Selbsthilfegruppen

Ich gebe zu, anfangs war ich total skeptisch und überhaupt nicht davon überzeugt. Nun bin seit 8 Monaten selbst engagiert dabei - in Selbsthilfegruppen.

Was Selbsthilfegruppen (nicht) sind

Auch ich musste mir anfangs darüber klar werden, dass Selbsthilfegruppen nicht identisch mit Gruppentherapie sind. Es gibt keinen fachlichen Anleiten, also keinen Therapeuten, Psychiater oder Coach. Zudem ist es keine Anlaufstellen für akute Krisen.

In Selbsthilfegruppen treffen sich Menschen, die genauso von der Krankheit betroffen sind wie Du und ich. Für alle möglichen Krankheiten gibt es Selbsthilfegruppen - für Depression, Angst, Borderline, Sucht, Essstörungen und natürlich auch für sämtliche körperliche Krankheiten. Zusätzlich gibt's viele Angehörigengruppen, in denen sich Partner, Eltern, Kinder über ihren betroffenen Kranken austauschen.

Die Betroffenen, die sich in Selbsthilfegruppen zusammenfinden, haben alle den Willen, sich selbst helfen zu wollen und somit ein Stück mehr Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen. Sie alle haben gemeinsam,

- dass sie über sich und ihre Sorgen reden möchten,

- dass sie anderen zuhören wollen, die ähnliche Probleme haben wie sie selbst,

- dass sie ihre Erfahrungen weitergeben bzw. von denen anderer lernen möchten,

- dass sie sich gegenseitig in ihrer problematischen Lebenssituation helfen wollen.

Struktur in Selbsthilfegruppen

Meine eine Depressions-Selbsthilfegruppe war lange Zeit ziemlich unstrukturiert. Kaum einer hatte Erfahrung mit Selbsthilfegruppen und so artete das Treffen öfter mal in einen Kaffeeklatsch aus, bei dem über Gott und die Welt erzählt wurde. Das war zwar ganz nett, aber so richtig zufriedenstellend war es nicht.

Inzwischen haben wir einen kleinen "Ablaufplan" erstellt, mit welchem die meisten Selbsthilfegruppen arbeiten. Zu Beginn gibt es eine Blitzlichtrunde - jeder erzählt der Reihe nach, in welcher Stimmung er da ist und wie seine vergangene Woche war. Meist hat sich nach dieser Runde schon ein Thema herauskristallisiert, welches wir bearbeiten wollen. Wenn nicht, dann gibt es halt nochmal eine Runde, in der jeder ein Thema vorschlägt, über welches dann abgestimmt wird.

Zum Abschluss, nach circa 1,5 Stunden gibt es nochmal ein Blitzlicht. Auch hier sagen wir, in welcher Stimmung wir nun gehen, wie wir das Treffen fanden und ob wir was bestimmtes hilfreiches aus dem Treffen mitnehmen können.

Bei den Themen selbst geht es selten um harte traumatische Erfahrungen. Das wäre für viele von uns überhaupt nicht tragbar, gerade wo wir alle etwas instabil sind. Nein, wir ergründen keine Ursachen unserer Krankheit(en) - dass ist eher ein Thema für ein Therapiegespräch - sondern wir reden über den Alltag selbst. Wir tauschen uns so z. B. aus über Einschlafhilfen, Verträglichkeit diverser Medikamente, Entspannungs-/Imaginationsübungen, Skills zur Ablenkung bei Angst und Grübeleien, Erfahrungen mit psychiatrischen Einrichtungen und der Alltagsstruktur.

Spielregeln in Selbsthilfegruppen

Gerade unter fremden Menschen ist es schwierig, über so ein sensibles und intimes Thema wie psychische Krankheiten zu sprechen. Daher haben auch wir uns ein paar sogenannte Spielregeln aufgestellt, um die Kommunikation und das Miteinander annehmbar zu gestalten. Viele davon entsprechen der alltäglichen Gesprächskultur - zumindest sollte diese so sein. So besteht die Verbindlichkeit, dass wir nichts nach außen tragen, was in dem jeweiligen Treffen besprochen wurde. Alles gesagte bleibt in dem Raum. Auch besteht bei uns das Prinzip der Anonymität - jeder sagt und gibt nur das von sich preis, was er möchte. Dies betrifft z. B. den Zunamen, den Job, das Alter, die derzeitige Familiensituation ...

Wir achten darauf, dass wir uns wertschätzend begegnen, in dem wir andere ausreden lassen und immer nur eine Person spricht. Zudem bleiben wir bei uns und berichten von unseren eigenen Erfahrungen ohne Ratschläge zu geben. Das bedeutet, wir sagen nicht, was jemand machen soll (Geh in die Psychiatrie!) oder was er nicht machen soll (Geh bloß nicht in die Psychiatrie!). In dem Zusammenhang pauschalisieren wir auch nicht (Psychiatrien sind alle doof!). Wichtig ist auch, dass man die Aussagen anderer nicht bewertet á la "Dass, was Du da erzählst ist totaler Quark!"

In unseren Selbsthilfegruppen haben wir auch ein paar Aufgaben verteilt. So hat einer beispielsweise die Verantwortung des Schlüsseldienstes für den Raum, ein paar andere bereiten einige Getränke für das Treffen vor und wiederum andere kümmern sich nach dem Treffen ums Abräumen. So eine Aufgabe fördert das Miteinander, weshalb auch neue Mitglieder relativ schnell, sofern sie möchten, eine Aufgabe bekommen. Dadurch wird deutlich, dass jeder Teil und mit verantwortlich für die Gruppe ist.

In Selbsthilfegruppen hat jeder für sich selbst die Verantwortung. Jeder ist für das, was er sagt, selbst verantwortlich. Auch kann jeder Teilnehmer unserer Gruppe zu uns kommen, egal in welcher Stimmung er ist. Bei akuten Krisen haben wir jedoch vereinbart, dass professionelle Hilfe angenommen und entsprechende Hilfseinrichtungen aufgesucht werden. Diese findet man bei seinem Arzt, diversen Krisendiensten seiner Stadt oder auch der Telefonseelsorge.

Es ist wichtig, dass man weiß, dass Selbsthilfegruppen keine Therapiegruppen sind. Auch können sie eine Therapie nicht ersetzen - sie stellen jedoch für viele, und so auch für mich, eine wertvolle Ergänzung dar.

Auch wenn die anderen aus meiner Gruppe nicht genau wissen, was ich erlebt habe oder was meine Geschichte ist - sie können nachempfinden was es heißt, sich leer, ängstlich oder depressiv zu fühlen. Ich brauche das gar nicht erklären - die anderen kennen es von sich selbst. Dadurch fühle ich mich ein Stück weniger einsam, in meinem Gefühl sogar etwas verstanden.

Selbsthilfegruppen gegen Einsamkeit

Menschen sind mir oftmals zu nervig, zu viel, zu anstrengend. Doch letzten Endes brauche ich sie. In Maßen tun sie mir gut.

Und ich kann sagen, dass mir meine Selbsthilfegruppen gut tun.

In dem was die anderen von sich erzählen, erkenne ich mich manchmal wieder. Zudem helfen mir die Gruppen, dass ich mich weniger isoliere. Die Treffen sind nicht zwingend verbindlich und ich kann jederzeit aussteigen, doch sind sie für mich zu einem festen Termin in der Woche geworden. Auch wenn mir oft überhaupt nicht nach Menschen und Reden ist, fahre ich zu dem Treffen und öffne so von innen die Tür meiner Einsamkeit.

Durch diese Treffen, wie erwähnt bin ich 2 verschiedenen Gruppen, verlasse ich mindestens 2 mal die Woche meine Wohnung. Ich unterhalte mich mit anderen Menschen - außer mit meinen Ärzten, meinem Freund und meinen Tieren.

Mehr aus dem Leben mit Angst, Depression und Borderline erfährst Du auf meinem Blog nora-fieling.de

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