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  • Foto: Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg

Humanist*innen und Genoss*innen gedenken August Bebel

Seine prägende Rolle innerhalb der deutschen Sozialdemokratie wie in der Politik der Kaiserzeit insgesamt und seine zum Teil weit über seine Epoche hinausweisenden Ansätze und Ansichten wurden in der vom August Bebel Institut (ABI) und vom Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg KdöR ausgerichteten gut einstündigen Veranstaltung gewürdigt.

Nach der Begrüßung durch den Geschäftsführer des August Bebel Instituts, Reinhard Wenzel, sprach Dr. Felicitas Tesch, Vizepräsidentin des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg KdöR, über August Bebel als Religionskritiker. Seine harsche Haltung gegenüber jeder Religion, die er als „Menschenwerk“ ansah, und insbesondere dem Christentum gegenüber, dessen „guter Kern“ allgemein menschlich, aber nicht spezifisch „christlich“ sei, ließ ihn zum Verfechter eines weltanschaulich neutralen Staates werden. Die Erklärung des religiösen Bekenntnisses zur „Privatsache“ im Erfurter SPD-Programm von 1891 hinderte ihn nicht, „für eine offene und nachdrückliche atheistische Propaganda unter Berücksichtigung des Parteiprogramms“ einzutreten. Die Forderung nach einer konsequenten Trennung von Kirche und Staat blieb bis zum Godesberger Programm von 1959 ein sozialdemokratisches Kernanliegen, das Freidenkertum mithin ein ständiger Begleiter der Sozialdemokratie. In Berlin, erinnerte die Rednerin, kam es so 1947 in der Stadtverordnetenversammlung zu einem die Trennung von Kirche und Schule in Deutschland am weitgehendsten umsetzenden Schulgesetz. Heute verzeichnen die Kirchen rückläufige Mitgliederzahlen, die Gesellschaft wird zunehmend säkularer. In der SPD trägt man seit 2022 dieser Entwicklung durch die Einrichtung eines Arbeitskreises Säkularität und Humanismus Rechnung. Unter Humanismus ist nicht zu verstehen, was Bebel seinerzeit mit dem Begriff „Humanitätsduselei“ brandmarkte. Er zielte mit seiner Kritik auf bildungsbürgerlich-ethische Diskurse, die sich einem echten Eingehen auf die „soziale Frage“ verweigerten. „Unser heutiges Humanismus-Verständnis“, so die Rednerin, „versucht, alle Aspekte zu berücksichtigen“: Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit, ethische Verantwortung unter Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Dimension, eine moderate Trennung von Kirche und Staat, die völlige Gleichbehandlung und Teilhabe der humanistischen Weltanschauung, der Kampf gegen Rechts und für den Erhalt unserer Demokratie und unserer natürlichen Lebensgrundlagen (auch im Bündnis mit Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften).

Dr. Gisela Notz, Historikerin und Herausgeberin eines gerade erschienenen Buches zu Bebel („August Bebel oder: Der revolutionäre Sozialdemokrat“, Dietz Berlin 2023), betrachtete Bebel in ihrer Ansprache vor allem als Streiter für die Rechte der Frauen, die 1913 mit ihm „einen treuen Verbündeten verloren“, und als Streiter gegen alle Autoritäten, himmlische wie irdische. Sie zeichnete seinen Lebensgang und seinen Weg zum überzeugten Marxisten nach. Bebel entwickelte klare politische Vorstellungen zu den Problemen seiner Zeit. Sein Ziel, „der Würde des Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen“, ließ ihn zum entschiedenen Bekämpfer von „Kapitalismus, Militarismus, Rassismus, Kolonialismus, Klerikalismus, Sexismus und Antisemitismus“ werden. Dass aus frauenpolitischer Sicht die Geschichte der SPD in dieser Zeit zur Erfolgsgeschichte wurde, verdankt sich im wesentlichen August Bebel und seiner Frau Julie Bebel. Bebels epochemachendes und vielgelesenes Werk „Die Frau und der Sozialismus“, entstanden während seiner Festungshaft 1872-1874, zeigte nicht nur die Wurzeln der Unterdrückung der Frau auf, sondern beschrieb auch ihre Rolle in einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft. Die „ganzheitliche reale Utopie“, die Bebel im letzten Kapitel entwarf, wies im Ganzen wie in den Details (z. B. in Bebels Ausführungen zur Nutzung der Solarenergie) weit über ihre Zeit hinaus. Seine Rolle als „wegweisender Kompass der Sozialdemokratie“ (Rosa Luxemburg) behielt Bebel auch gegen vielerlei Widerstände in seiner eigenen Partei bei.

Eine weitere Facette von Bebels Persönlichkeit zeigte Dr. Heiner Wörmann, Vorsitzender der Historischen Kommission der SPD Berlin, auf: Er trug aus Bebels Autobiographie „Aus meinem Leben“ das Kapitel „Totgesagt“ vor, in dem Bebel die im September 1882 umlaufenden falschen Nachrichten von seinem Tod und die Reaktionen darauf humorvoll-ironisch kommentiert.

Musikalisch eingerahmt wurde die Veranstaltung von Isabel Neuenfeldt (Akkordeon u. Gesang) mit „Die Gedanken sind frei“, dem „Bundeslied“ von 1863, „Brot und Rosen“ und dem „Sozialistenmarsch“ von 1891.

Die Manuskripte der beiden Kurzvorträge stehen in Kürze auf der Homepage des August Bebel Instituts zum Nachlesen bereit.

 

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Olaf Schlunke
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