• Durch die Bereitstellung von Möglichkeiten zur Beschäftigung - hier der Verkauf von Kokosnüssen - werden Witwen befähigt, für sich selbst zu sorgen.
    © Vasavya Mahila MandaliDurch die Bereitstellung von Möglichkeiten zur Beschäftigung - hier der Verkauf von Kokosnüssen - werden Witwen befähigt, für sich selbst zu sorgen.

"Wir müssen das Schicksal der Corona-Witwen sichtbar machen"

Dr. Bollineni, könnten Sie sich unseren Leser_innen vorstellen und etwas über Vasavya Mahila Mandali erzählen?

Mein Name ist Dr. Keerthi Bollineni, Expertin für soziale Entwicklung, Transformatorin und Humanistin. Ich bin in einer Gandhi nahestehenden, für Freiheit kämpfenden Familie in Vijayawada, Indien, aufgewachsen. Mit 28 Jahren bin ich verwitwert, als mein Ehemann bei einem Autounfall ums Leben kam. In meiner zweiten Ehe habe ich schwere häusliche Gewalt erfahren, die zur Scheidung geführt hat. Mein Leben hat mich viele Dinge gelehrt – und nun bin ich Trendsetterin und Motivatorin für viele Frauen in Krisensituationen.

Zudem bin ich Präsidentin von Vasavya Mahila Mandali, kurz VMM. VMM engagiert sich seit 52 Jahren für eine Vision: Frauen, Kinder und Familien zu empowern, indem ihre Zufriedenheit gesteigert und eine nachhaltige Gesellschaft mit humanistischen Werten sichergestellt wird.

VMM engagiert sich dabei in fünf Themenbereichen: Gesundheit & Ernährung, Bildung, Lebensgrundlagen, geschlechtsspezifischer Gewalt sowie Umwelt. Dazu arbeiten wir mit Gemeinschaften und Dienstleistern, um Frauen durch Sicherheit und Unterstützung zu Würde und Respekt zu verhelfen, ihre Skills zu verbessern und ihre Existenzgrundlage durch finanzielle Unterstützung zu sichern. Seit unserer Gründung haben wir so vier Millionen Menschen in urbanen, ländlichen und indigenen Kontexten erreichen können.

Dr. Keerthi Bollineni ist Expertin für soziale Entwicklung, Transformatorin und Humanistin
© Dr. Keerthi Bollineni / Vasavya Mahila Mandali Dr. Keerthi Bollineni ist Expertin für soziale Entwicklung, Transformatorin und Humanistin

Nach dem schweren COVID-Ausbruch scheint die Lage in Indien dramatisch. Wie nehmen Sie die Situation vor Ort wahr?

Die Geschichte von Lakshmi, was nicht ihr wahrer Name ist, schildert die Situation ganz gut: Sie ist 27 und hat vor neun Jahren geheiratet. Zwar hat sie studiert, aber ihr Schwiegervater hat ihre Zeugnisse nach einem Streit in der Familie verbrannt. Ihr Mann konnte trotz seiner technischen Berufsausbildung keine Arbeit finden. Also eröffnete er einen Stand für Biryani, eine beliebte Speise in Indien und der indischen Diaspora. Das Einkommen war gut, aber die Kosten der Familie mit zwei Kindern im Alter von fünf und zwei Jahren hoch. Ihr Mann erkrankte an Corona, kam ins Krankenhaus und verstarb im April. Lakshmi ist nun eine Witwe. Nach der Beerdigung schmissen ihre Schwiegereltern sie aus ihrem Haus.  

Über Freiwillige habe ich sie kennengelernt und lange mit ihr gesprochen. Weil ich ebenfalls früh meinen Ehemann verloren habe, haben wir gleich eine Verbindung gehabt – auch weil mir so viele Themen bekannt vorkommen: die wirtschaftlich schwere Lage, die Kinder und auch die fehlenden Lebensmittel. Sie hat mir berichtet, dass sie seit zehn Tagen nichts mehr zu essen hatten, auch nicht für die Kinder. Ihr fehlt Geld für die Miete, weshalb sie zwei goldene Armreifen verkaufen musste. Ohne ihre Zeugnisse kann sie sich nicht um Arbeit bemühen. Ihre angeheiratete Familie setzt sie gleichzeitig unter Druck, auf ihren Anteil am Haus der Familie zu verzichten. Sie erhält Drohanrufe ihrer Schwägerin. Ihre Nachbarn verstoßen sie, weil sie eine Witwe ist. Das ist die Geschichte einer Corona-Witwe, und es gibt so viele weitere Lakshmis in Indien: Frauen, die durch Corona zu Witwen geworden sind.

Beim großen Ausbruch im Frühjahr sind mindestens 400.000 Menschen gestorben. 130.000 Frauen sind zu Witwen geworden, viele von ihnen mit Kindern. Sie stehen nun ohne Unterstützung da, die medizinische Versorgung ist nicht gewährleistet, die Kinder erhalten keine Bildung, von der Gesellschaft werden sie ausgegrenzt. Am schlimmsten betroffen sind dabei Frauen in ländlichen Gegenden, wo sowieso schon jede zehnte Person in extremer Armut lebt.

Für viele Frauen weltweit wird der schmerzhafte Verlust des Partners dadurch verstärkt, dass sie langfristig für ihre Rechte kämpfen müssen. Hier müssen wir helfen: Wir müssen uns dem Leid der Frauen und Kinder annehmen und sie empathisch begleiten. Wir müssen Teil des Wandels sein und sie mit offenen Armen aufnehmen. Und wir müssen das Schicksal der Corona-Witwen sichtbar machen: Es braucht Erfassung, Forschung und politische Initiativen.

Also sind insbesondere Frauen und Kinder betroffen. Was brauchen sie in dieser schwierigen Situation vor allem?

Um die Frauen zu befähigen, braucht es vor allem einige Unterstützungsleistungen: Die mentale Gesundheit muss durch Beratung und Begleitung gefördert werden. Sie brauchen Hoffnung, dass sie ihr Leben neu aufbauen und selbstbestimmt leben können. Auch die Kinder brauchen Begleitung, denn sie haben gerade ihren Vater verloren. Und auch eine Gemeinschaft muss geboten werden, da die Witwen vom Rest der Gesellschaft verstoßen werden.

Die Kosten für Unterbringung und Strom müssen getragen werden für all jene, die zur Miete leben. Für die besonders vulnerablen Familien braucht es zudem Lebensmittel für die nächsten drei bis fünf Monate, damit die Ernährung der Kinder sichergestellt werden kann.

In einem weiteren Schritt braucht es für die Frauen passende Angebote zur Aus- und Weiterbildung, entsprechend ihrer jeweiligen Bildungsstände. Auch Beschäftigung oder Selbstständigkeit müssen gefördert werden, zum Beispiel indem man ihnen Rohmaterialien zur Verfügung stellt und Absatzmärkte für hergestellte Produkte schafft. Und auch die Bildung der Kinder ist sehr wichtig. Ältere Kinder müssen ihre Bildung fortsetzen können und nach Möglichkeit in Ausbildung gebracht oder zu Karrieremöglichkeiten beraten werden.

Beratung ist in dieser schwierigen Lage ein wichtiges Instrument, um verwitweten Frauen eine Perspektive aufzeigen zu können.
© Vasavya Mahila Mandali Beratung ist in dieser schwierigen Lage ein wichtiges Instrument, um verwitweten Frauen eine Perspektive aufzeigen zu können.

Warum ist Hilfe aktuell so besonders wichtig?

Die indische Verfassung garantiert allen Menschen fundamentale Rechte: das Recht auf Leben, das Recht, in Würde zu leben, das Recht auf Nahrung, Obdach und Bildung. Aufgrund der plötzlichen Veränderung durch den Tod eines wichtigen Menschen brauchen betroffene Frauen Unterstützung, um zu dieser von der Verfassung garantierten Normalität zurückzukehren. Bislang aber hat die Regierung keine Programme aufgesetzt, um Corona-Witwen zu helfen. Deshalb ist es unerlässlich, dass NGOs und humanitäre Organisationen in die Bresche springen und die Unterstützung anschieben.

In solchen Krisensituationen besteht die Gefahr, dass Frauen in die Prostitution oder den Menschenhandel abgleiten, wenn Grundbedürfnisse wie ausreichende Nahrung nicht erfüllt werden. Insgesamt sind diese Witwen aktuell viel vulnerabler als noch zuvor.

Sie und ihre Organisation sehen sich immer wieder mit kulturellen Stolpersteinen konfrontiert, die die Arbeit erschweren. Welchen problematischen Traditionen begegnen sie und wie beeinflussen diese Ihre Arbeit?

In Indien sollen Frauen nach dem Tod ihres Mannes das Haus drei bis fünf Monate lang nicht verlassen. So geben es die kulturellen Normen und Traditionen vor. Das behindert natürlich die Möglichkeiten, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen und sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Vasavya Mahila Mandali spricht mit den Familien. Manche verzichten auf die Tradition, die meisten aber hören uns nicht zu. Während dieser Trauerphase fokussieren wir uns deshalb auf die Beratung der Witwen und ihrer Kinder. Dabei planen wir ihr zukünftiges Leben, die Sicherstellung ihrer Grundbedürfnisse sowie die Bildung der Kinder – immer in Bezug auf die kleine von der Regierung gezahlte Witwenrente von 3.000 Indischen Rupie im Monat (ca. 35 Euro, Anm. d. Red.).

Am Morgen oder auf dem Weg zu freudigen Anlässen soll der Blick ins Gesicht einer Witwe Unglück bringen. Dieser Aberglaube ist noch immer weit verbreitet. Dies zu ändern braucht Zeit, aber VMM arbeitet daran, Aufmerksamkeit in den Communities zu schaffen und dafür zu sorgen, dass Witwen Respekt erfahren. Dies tun wir vor allem, indem wir Witwen zu Funktionen in der Nachbarschaft verhelfen.

Wir fordern: Würde und Respekt für den Witwenstand! #NoSilenceForViolence

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

SIE WOLLEN HELFEN? Das Humanistische Hilfswerk sammelt Spenden für die Arbeit von Vasavya Mahila Mandali. Weitere Informationen und die Möglichkeit zu spenden finden Sie hier. Helfen Sie jetzt!

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Dominik Drießen
Bereichsleitung Öffentlichkeitsarbeit & Mediengestaltung
0160 68 67 967