• Uns alle macht zum Menschen, DASS wir lieben. WEN wir lieben, ist scheißegal.
    Foto: Konstantin BörnerUns alle macht zum Menschen, DASS wir lieben. WEN wir lieben, ist scheißegal.

Es ist scheißegal, wen Du liebst

Liebe Freunde,

Sie sehen mich hier mit einem T-Shirt stehen, auf dem steht: "Es ist scheißegal, wen Du liebst." Nun könnte man sich fragen, ob es für einen Vorstand eines der größten Sozialunternehmen Berlins angebracht ist, mit einem solchen Slogan aufzutreten. Ich sage ihnen, dass es das ist. Denn manchmal braucht es deutliche Worte, um einen Zustand vor Augen zu führen, den viele nicht sehen wollen.

Vielleicht beruhigt es einige, dass der Satz auf dem T-Shirt gar nicht von mir stammt, sondern von Thea Deutschländer, einer jungen Frau aus unserem Jugendverband, die sich in Königs Wusterhausen für eine bunte und vielfältige Gesellschaft stark macht. Sie ist Teil unserer Kampagne EINE_R VON UNS, mit der wir in diesem Jahr auf die Vielfalt in unserem Verband hinweisen.

Der Satz könnte so ähnlich aber auch von mir sein, denn mir ist es wichtig, dass auch in den Einrichtungen und Projekten des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg Vielfalt und Diversität gelebt wird. Sie macht uns und unser Angebot reicher. Deshalb tragen wir diese Haltung auch nach außen, ob bei der "Sticks and Stones"-Jobmesse, während der Pride Weeks, beim schwul-lesbischen Stadtfest am Nollendorfplatz oder beim CSD, wo wir auch in diesem Jahr wieder aktiv sein werden. Und dreimal dürfen Sie raten, unter welchem Motto unser Truck fahren wird: "Es ist scheißegal, wen Du liebst."

Warum sage ich das? Sollte die Haltung hinter diesem Satz nicht eine Selbstverständlichkeit sein? Sollte es nicht Teil unserer Normalität sein, dass wir unabhängig davon, wer wen liebt oder in welcher Haut sich Mensch wohl fühlt, offen sind für Begegnung? Für Austausch? Dafür, einander die Hand zu reichen und uns als Menschen Respekt entgegen zu bringen?

Ja, das sollte Teil der Normalität sein. Ist es aber leider nicht, wie der neueste Report von Maneo deutlich macht. Die Zahl homo- und transphober Übergriffe ist erneut gestiegen, von 324 im Jahr 2017 auf 382 im Vorjahr. Lassen sie es mich auf den Punkt bringen: diese Zahlen sind erschreckend!

Noch erschreckender ist, dass eine Vielzahl der registrierten Übergriffe stattgefunden haben, weil queere Menschen mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie nicht-queere Hand in Hand auf der Straße unterwegs waren, sich küssten oder einfach nur Kopf-an-Schulter in der S-Bahn saßen. Ich will das nicht akzeptieren und mit mir auch viele Humanist_innen in Berlin und Brandenburg nicht, für die ich heute hier stehe. Wir dürfen als Gesellschaft nicht wegsehen, wenn Menschen die Freiheit genommen wird, ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Denn nimmt man ihnen diese Freiheit, ist dies der Anfang vom Ende aller Freiheit.

Ich will Ihnen dazu eine kleine Geschichte aus unserem Verband erzählen. EINE_R VON UNS ist auch Serkan Wels, ein überaus engagierter Aktivist für LGBTIQ*-Themen innerhalb und außerhalb unserer Organisation, der heute auch hier ist. Ich kenne wenige Menschen, die so offen und ohne Vorbehalte auf Menschen zugehen wie ihn. Er ist eine Bereicherung für alle, die ihn kennen. Im Rahmen unserer Kampagne spricht er über seinen Alltag und bekennt, dass er nur teilweise so sein könne, wie er möchte. Er wäre gern viel offener mit schwulen Freunden unterwegs, müsse sich aber immer wieder "zusammenreißen". Das zeigt deutlich: wenn man Menschen das Selbstverständlichste nimmt, können sie auch in einer Stadt wie Berlin nicht mehr selbstbestimmt leben. Sie passen sich an an eine Situation, in der sie permanent auf der Hut sein müssen.

Zu dieser Situation haben wir alle beigetragean, denn offenbar stellen wir uns viel zu selten schützend vor queere Menschen. Und wenn ich das sage, meine ich, dass wir uns viel zu selten schützend vor die Menschenrechte stellen. Denn um nichts Anderes geht es hier. Und zwar in einer Zeit, in der politische Kräfte, die die Rechte von queeren Menschen immer wieder infrage stellen, eine traurige Realität sind – leider nicht nur in Berlin und Brandenburg, sondern bundes- und europaweit. Wir dürfen deshalb nicht müde werden, laut und deutlich zu widersprechen, wenn wir Zeuge von homo-, trans- und biphoben Äußerungen oder Übergriffen sind. Die große Mehrheit in unserer Gesellschaft lebt Unterschiedlichkeit, Vielfalt und Toleranz. Wir alle profitieren davon. Wir alle sind auch aufgefordert, die offene Gesellschaft zu verteidigen. Denn die Freiheit von queeren Menschen, selbstbestimmt zu lieben und zu leben, ist unser aller Freiheit.

Uns alle macht zum Menschen, DASS wir lieben. WEN wir lieben, ist scheißegal. Vielen Dank.

Es gilt das gesprochene Wort.

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Thomas Hummitzsch
Leitung des Referats für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit