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Der HVD Berlin-Brandenburg stellt sich vor

Humanistische Perspektive

Der Humanistische Verband in Berlin und Brandenburg blickt in seinem über 100-jährigen Bestehen auf eine bewegte Entwicklung zurück. Sie fiel zusammen mit den dramatischen Perioden der deutschen Geschichte: den Anfängen im Kaiserreich, dem Aufschwung in der Weimarer ­Republik zu einer veritablen Massenbewegung, dem Verbot und der Verfolgung durch das NS-Regime, der schwierigen Erneuerung nach 1945 und der Renaissance im wiedervereinigten Deutschland.

Das Beste, was wir tun können, ist unsere Vernunft, unseren Mut und unsere Leidenschaft einzusetzen, um verantwortungsbewusst jedem Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Die stetige Wiederbelebung der humanistischen Lebenshaltung seit 1990 ist auch darauf zurückzuführen, dass sich heute nur noch knapp die ­Hälfte der Deutschen als religiös gebunden versteht. Die christliche Ethik und Moral hat in Deutschland keine Monopolstellung mehr, andere religiöse sowie alternative Wertebegründungen wie der weltliche Humanismus stehen gleichberechtigt daneben. Als Humanist_innen wollen wir einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung und zu mehr sozialer Gerechtigkeit leisten.

In Berlin und Brandenburg sind rund zwei Drittel der Bevölkerung konfessionsfrei, das heißt, etwa vier Millionen Menschen führen ein ­erfülltes Leben ohne religiöse Bindung. Berlin gilt als Welthauptstadt des ­Humanismus, die humanistischen Traditionen sind mit der Stadt fest und sichtbar verbunden.

Selbstbestimmt & solidarisch

Wir sind der Überzeugung, dass Menschen die Freiheit und die Verantwortung haben, ihrem Leben ohne Berufung auf übernatürliche Erklärungen Sinn und Form zu geben. Insofern versteht sich unser Verband auch als Interessenvertretung religionsfreier Menschen. Als Weltanschauungsgemeinschaft ist der HVD im Grundgesetz den ­Kirchen ­gleichgestellt.

Die dem Humanismus zugrunde liegenden Werte von Freiheit, Gleichheit und Toleranz wurzeln in der antiken griechischen Philosophie sowie der Renaissance und Aufklärung. 1905 organisierten sich Humanist_innen und Freidenker_innen im »Verein der Freidenker für Feuerbestattung«. Die humanistische Interessenorganisation wuchs in Folge auf über 600.000 Mitglieder an. Die Nationalsozialisten zerschlugen die Organisation, viele ihrer Mitglieder wurden verfolgt und ermordet.

In Berlin und Brandenburg sind wir mit rund 10.000 Mitgliedern in der praktischen Lebenshilfe sowie in den Bereichen Erziehung, Bildung und Kultur aktiv.

Mit der Gründung des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD) aus mehreren freigeistigen Organisationen im Jahr 1993 lebte der organisierte Humanismus in Deutschland wieder auf. Unsere Arbeits ­­f­elder­ in Berlin und Brandenburg umfassen humanistische Traditionen und Mitgliederarbeit, Kindertagesstätten und Familienzentren, offene Kinder- und Jugend(verbands)arbeit, Humanistischen Lebenskunde­unterricht, Gesundheits- und Sozialangebote, Vorsorge und Betreuung, Patientenverfügung bis hin zum Sterbebeistand für Betroffene und Angehörige. Mit seinen etwa 1.200 hauptamtlich Beschäftigten und über 1.000 Ehren­amtlichen gewährt der Verband Unterstützung, Rat und Hilfe, unabhängig von ethnischer Herkunft, Nationalität, Geschlecht oder ­Weltanschauung.

Eine humanistische Lebensweise bedeutet auch, solidarisch und verantwortlich zu handeln. Deshalb legen wir in Respekt vor dem humanistischen Prinzip der Selbstbestimmung großen Wert auf die Förderung und Unterstützung des freiwilligen Engagements unserer Mitglieder. Denn der praktische Humanismus geht oftmals mit dem Wunsch einher, anderen zu helfen. Im Mittelpunkt steht die Hilfe zur Selbsthilfe – das heißt, gemeinsam mit den Betroffenen Alternativen in schwierigen Lebens­situationen zu entwickeln.

Der Anteil der ehrenamtlichen Arbeit in unserem Verband steigt ­stetig an und das Engagement der Mitglieder ist beeindruckend: Die Freiwilligen, die uns ehrenamtlich im Kultur- und Bildungsbereich oder bei der aktiven Freizeitgestaltung für Kinder- und ­Jugendliche unter­stützen oder in den verschiedenen Lebenshilfeprojekten sowie bei der Seniorenarbeit aktiv sind, geben nicht nur – sie bekommen auch ­etwas: Gemeinschaft, Anerkennung, Sinn, Qualifikation sowie das Gefühl, ­andere bei der bestmöglichen Verwirklichung eines selbst­bestimmten Lebens begleitet zu haben.

Humanistische Aus- und Weiterbildung

Wir möchten Erzieher_innen bestmöglich pädagogisch und humanistisch ausbilden. Um diesem Anspruch nachzukommen, haben wir die Humanistische Fachschule für Sozialpädagogik gegründet. Hier ­erwerben angehende Pädagog_innen in Voll- und Teilzeit die theoretischen und praxisrelevanten Kompetenzen für staatlich geprüfte Erzieher_innen ­gemäß Berliner Rahmenplan.

Seit 1999 werden die Lehrkräfte für den Lebenskundeunterricht im ­Humanistischen Ausbildungsinstitut ausgebildet. Das Aufbaustudium mit Lehrveranstaltungen in den Bereichen Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Religionskunde führt in vier Semestern zu einem von der Schulverwaltung anerkanntem Examen.

Wir machen uns beständig Gedanken über die Rolle des Menschen und seiner Handlungen in Natur und Gesellschaft.

Die Humanistische Akademie wurde als verbandseigenes Studien- und Bildungswerk 1997 gegründet und zur wichtigsten Einrichtung für die Begründung des weltanschaulichen Humanismus entwickelt. Als offene Forschungseinrichtung wendet sie sich an alle, die an einem kritisch-toleranten Weltanschauungsdiskurs interessiert sind. Renommierte ­Wissenschaftler setzen sich unter ihrem Dach mit dem ­Verhältnis von Natur, Mensch und Gesellschaft sowie deren grundlegenden humanis­tischen Zusammenhängen auseinander. Die Akademie forscht zum ­wissenschaftlichen Humanismus, organisiert Kolloquien und ­Tagungen, ­publiziert ihre Arbeitsergebnisse, kommentiert weltanschauliche ­Debatten und vermittelt weltanschaulich-politische Bildung.

Lernen mit Kopf, Herz & Hand

Wir unterhalten in Berlin sowie Brandenburg über 20 Kitas in freier ­Trägerschaft. Unsere Einrichtungen sind Bildungsorte für Kinder, in denen sie erfahren, respektvoll miteinander umzugehen und demokratische Regeln proben. In der Gemeinschaft können sie eigene Interessen und Bedürfnisse mit denen anderer Kinder ausbalancieren. Dabei verzichten wir bewusst auf religiöse oder moralische Instanzen und setzen auf die Vermittlung humanistischer Werte wie Toleranz und Empathie.

In unseren Kindertagesstätten ermutigen wir tagtäglich Kinder, ihren Kräften und Gefühlen zu vertrauen.

Unsere Erzieher_innen regen Kinder an, kritisch und unabhängig ­eigene Positionen zu entwickeln. »Wir spielen, forschen, fragen« lautet ­dabei ­eines unserer Leitmotive. Benachteiligungen anderer entgegenzutreten, ­kulturelle Unterschiede zu achten und Konflikte ohne Gewalt aus­zu­handeln, gehören zu unseren Lernzielen. Humanistische Kitas ­fördern ein interkulturelles Zusammenleben und integrieren Kinder mit Behinderungen.

»Familien stärken« ist eines unser erklärten Ziele. Dabei setzen wir auf Teilhabe, Kooperation und Verantwortungsübernahme. Mit unseren zwei Familienzentren tragen wir zur Verbesserung der Bildungschancen und des Lebensgefühls von Familien bei, indem wir die vorhandenen Infrastrukturen nutzen und die Entwicklungspotentiale der Familien fördern.

Gemeinsam durch turbulente Zeiten

Junge Menschen haben das Bedürfnis, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Unsere Kinder- und Jugendarbeit in Berlin und Brandenburg bietet dafür vielfältig Raum und Möglichkeiten. Dies zeigt sich auch im hohen Maß des ehrenamt­lichem Engagements.

Ein wichtiges Standbein der humanistischen Jugendarbeit ist unser Jugend­verband, die Jungen Humanist_innen (JuHu). Bei den JuHus in Berlin und in Brandenburg treffen sich junge Menschen, die selbstbestimmt und aktiv ihr Leben gestalten wollen. Sie eint das Engagement für ein tolerantes und friedliches Miteinander sowie die strikte Ablehnung von Diskriminierung, Gewalt und Unrecht. Zu den regelmäßigen Angeboten gehören Ferien- und Integrationsreisen, internationale Begegnungen, kulturelle und erlebnispädagogische Projektangebote sowie Initiativen zur Förderung des politischen Engagements, in denen Spaß und Gemeinsamkeit erlebbar werden.

Unser vielfältiges Engagement für Kinder und Jugendliche setzt mit verschiedenen Ansätzen auf Aktivierung, Mobilisierung und Partizipation.

In zahlreichen Jugendeinrichtungen setzen wir unter den Vorzeichen des praktischen Humanismus Angebote der regionalen und lokalen Jugend­arbeit um. Die Ausgestaltung dieser Angebote erfährt dabei sehr unterschiedliche Schwerpunkte und erstreckt sich von der besonderen Förderung von Mädchen und jungen Frauen über die Aktivierung von Kindern und Jugendlichen für demokratische Entscheidungsprozesse und Partizipationsmöglichkeiten bis hin zu kulturell-künstlerischen ­Angeboten für die Jugendlichen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Stärkung der Persönlichkeit und die Förderung von Kompetenzen.

Gemeinsam große Fragen diskutieren

Humanistische Lebenskunde ist ein freiwilliges Weltanschauungsfach ohne Zensuren. Die Inhalte orientieren sich an humanistischen Werten und Überzeugungen wie menschliche Vernunft, Solidarität und Menschenrechte. Grundlagen unseres Weltanschauungsunterrichts sind wissenschaftliche Erkenntnisse über Mensch, Natur und Gesellschaft sowie Erfahrungen, die auf weltlich-humanistischen Traditionen beruhen.

Mitte der 1980er Jahre an Berliner Schulen eingeführt, entwickelte sich das Fach zu einem einmaligen Erfolgsmodell im deutschen Schulsystem. Inzwischen nehmen jährlich etwa 60.000 Schüler_innen in Berlin und Brandenburg am Humanistischen Lebenskundeunterricht teil.

Muss ich meinem Leben selbst einen Sinn geben? Ist es erlaubt, zu lügen, wenn ich mich für eine gute Sache einsetze? Im Humanistischen Lebenskundeunterricht wird über diese und andere Fragen gemeinsam nachgedacht.

In einer Gesellschaft, in der über Werte gestritten wird und in der es nicht immer einfach ist, sich zurechtzufinden, kann die im Lebenskunde­unterricht vermittelte humanistische Ethik Antworten geben. Dabei ­befasst sich der Unterricht mit Themen wie Freundschaft, Kinderalltag und Erwachsenenwelt, Helfen und Verantwortung, Kinder- und Menschenrechte sowie mit Fragen nach dem Sinn des Lebens. Die Lehrkräfte reflektieren gemeinsam mit den Schüler_innen die großen und kleinen Chancen und Herausforderungen des Miteinanders und diskutieren ­Ideen des richtigen Handelns.

Selbst entscheiden lassen

Berlin ist eine Stadt, in der Vielfalt zur Normalität gehört, Menschen aller Generationen, Lebenslagen und Kulturen leben Tür an Tür. In Brandenburg gilt dies vorrangig für die an Berlin grenzenden Regionen und Hochschulstädte. Die ländlichen Regionen sind mit Bevölkerungsschwund und Strukturproblemen konfrontiert. In beiden Bundesländern sind die Lebenslagen von Familien, Kindern und alten Menschen zum Teil schwierig bis prekär.

In Achtung des gesellschaftlichen Zusammenhalts stehen für uns die Stärkung des Selbstbestimmungsrechts und die Wahrung der Menschen­würde in jeder Lebenssituation an oberster Stelle. Unabhängig von ­Alter, Geschlecht, Herkunft und Weltanschauung leisten wir daher unter ­Beachtung hoher Qualitätsstandards in zahlreichen fürsorglichen Einrichtungen Hilfe zur Selbsthilfe.

Mit unseren professionellen Diensten in Berlin und Brandenburg unterstützen wir Menschen bei der Bewältigung von Konflikten und Krisen.

Wir übernehmen eine Lotsenfunktion im schwer durchschaubaren ­Sozial-­ und Gesundheitssystem und unterstützen Menschen bei der Schaffung individueller und tragfähiger Hilfen. So bieten wir unter anderem Information, Beratung und konkrete Unterstützung in Schwangerschafts- und Familienkonflikten, bei Fragen der Pflege und Betreuung von Fami­lien­angehörigen sowie in Fällen von Wohnungsnot und Obdachlosigkeit.Wir bieten Sicherheit durch unsere Pflege und Betreuung. Bürger_innen jeder Altersgruppe können in unserem breiten Netzwerk selbst aktiv ­werden oder Hilfe finden.

Würde am Lebensende

Um ein Leben selbstbestimmt zu gestalten und die eigene Würde auch beim Sterben zu wahren, sind gesellschaftliche Solidarität und ein fürsorgliches Umfeld notwendig. Wir setzen uns seit vielen Jahren mit existenziellen Situationen wie schwerer Krankheit, Betreuungsbedürftigkeit und Lebensende auseinander und unterstützen bei der Suche nach ­individuellen Lösungen.

Zum Recht über das eigene Leben und Sterben zu entscheiden, gehört selbstverantwortliche Vorsorge. Dazu haben wir ein Vorsorgenetz ent­wickelt, das sich von der Klärung der persönlichen und finanziellen Angelegenheiten über die Organisation und Wahrnehmung von ­passenden Vorsorge- und Betreuungsmöglichkeiten bis hin zur vorkehrenden Doku­mentation der medizinischen und pflegerischen Maßnahmen in einer standardisierten oder maßgeschneiderten Patientenverfügung für den Fall der Einsichtsunfähigkeit erstreckt.

Wir lassen Menschen nicht allein, sondern geben ihnen das Vertrauen, ihre eigenen Wertvorstellungen und Bedürfnisse am Lebensabend zu wahren.

Eine würdevolle und individuell abgestimmte Begleitung in der ­letzten Lebensphase ermöglichen unsere verschiedenen ambulanten und statio­nären Hospizdienste. Mit fünf Angeboten sind wir in Berlin größter ­Anbieter im Hospizbereich. Mit diesen Angeboten wollen wir Menschen das Vertrauen und die Möglichkeit geben, die eigenen Wertvorstellungen und Bedürfnisse am Lebensende wahren zu können.

Feiern fürs Leben

Im Leben eines jeden Menschen gibt es ganz besondere Augenblicke. Der Wunsch, biografischen Ereignissen wie Geburt, Übergang vom Kind- zum Erwachsensein, Hochzeit oder Tod einen festlichen Rahmen zu geben, Freude und Trauer, Neubeginn und Abschiednehmen mit Angehörigen und Freunden zu teilen, ist so alt wie die Menschheit selbst.

Mit unseren Patenfeiern heißen wir neue Erdenbürger im Leben willkommen und bieten einen feierlichen Rahmen für die symbolträchtige Verleihung einer Patenschaft. Jugendlichen bieten wir die JugendFEIER, um den symbolischen Schritt vom Kindesalter ins Erwachsenenleben würdig zu begehen. In den vergangenen Jahren haben sich Tausende 13- bis 15-jährige Mädchen und Jungen an dem damit verbundenen sechsmonatigen Vorbereitungsprogramm beteiligt.

Die Einzigartigkeit des Menschen drückt sich auch durch persönliche Feiern aus. Wir bieten zu zahlreichen Anlässen den individuell passenden Rahmen.

Unsere humanistischen Hochzeiten bieten eine Alternative zur kirchlichen Trauung. Die Feier steht allen Lebensformen offen. Für uns zählt die Liebe und nicht das Geschlecht oder die sexueller Orientierung der Heiratswilligen.

Wir sind auch Ansprechpartner, wenn es darum geht, Abschieds- und Gedenkfeiern individuell und in Würde zu gestalten. Wichtiger Bestandteil unserer Trauerfeiern ist die Rede, für die wir ausgebildete Trauersprecher vermitteln. Unseren Mitgliedern und deren Angehörigen bieten wir ferner die Möglichkeit, sich in der verbandseigenen Familienurnengrabstätte auf dem Waldfriedhof Zehlendorf unter einem Baum bestatten zu lassen.

Fotografie: Christoph Eckelt

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Katrin Raczynski
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Thomas Hummitzsch
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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Sabrina Banze
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit