Rückblick: Werte fallen nicht vom Himmel.

Ralf Schöppner und Christina Gruhne (v.l.)
Foto: DHT2019 Hamburg/Evelin Frerk Ralf Schöppner und Christina Gruhne (v.l.)

Wenn sie aber nicht vom Himmel fallen, wo kommen sie dann her? Diese Frage stellte Ralf Schöppner, Geschäftsführender Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland in seinem Einführungsvortrag zur Tagung und bot einige Kandidatinnen an: ein ideales Reich der Vernunft oder der Geltung, Natur, Kultur, Gesellschaft und Deliberation. Außerdem warf er einen kritischen Blick auf die Allgegenwärtigkeit des Wertediskurses, auf dessen Gefahren wie Potentiale. Zum einen seien die an diesem Diskurs Beteiligten oftmals von dem Bedürfnis geleitet, die je eigenen Werte autoritativ für alle anderen verbindlich machen zu wollen. Zum anderen aber gehe es den Beteiligten wenigstens um etwas, sie seien nicht gleichgültig, sondern engagierten sich für wichtige Fragen und Probleme des Zusammenlebens.    

Einen umfassenden Einblick in die schulische Praxis erhielten die ungefähr 80 Gäste von Christina Gruhne in ihrem Vortrag "Werte machen Schule. Chancen und Grenzen schulischer Werteförderung". Die Gymnasiallehrerin und Fachseminarleiterin am Studienseminar Potsdam entwickelte anhand eines praktischen Beispiels aus der kollegialen Praxis einer Brandenburger Schule eine ganze Reihe von Thesen dazu, was Werte sind und wie sie entstehen, z.B.:

  • Wertsetzungen erfolgen durch subjektive Zuschreibungen.
  • Auch Gruppen, Gemeinschaften, Gesellschaften bilden Werte aus, um ihr Zusammenleben zu optimieren.
  • Werte sind Vorstellungen von persönlich wie gesellschaftlich Wünschenswertem.
  • Menschen bilden Werthierarchien aus, die immer in konkrete Situationen eingebunden sind. Werthierarchien sind auch abhängig von der Gruppe, welche in der entsprechenden Situation involviert ist.
  • Werte geben Orientierung und sind veränderbar.

Weiter nannte die Referentin Faktoren, die im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung Heranwachsender einen Einfluss auf die Bildung der Werthaltung ausüben (gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Familie, Peers, Medien u.a.) und ging die verschiedenen Ansätze zum Wertelernen von Heranwachsenden durch. Heute halte man insbesondere das Wertelernen am Vorbild und erfahrungs- und handlungsorientierte Ansätze für aussichtsreich. Man müsse demnach Kindern und Jugendlichen vor allem die Möglichkeit geben, ihren Werten praktisch Ausdruck zu verleihen, statt nur darüber zu reden oder zu belehren. Gruhne hielt auch ihre kritische Einschätzung des Wertelernens in eigens dafür konzipierten Schulfächern nicht zurück und plädierte für ein Gesamtkonzept verschiedener Formen indirekter und direkter Wertebildung im Gesamtsystem Schule, in dem Aspekte wie die Vorbildfunktion der Lehrer/innen und eine werteorientierte Schul- und Konfliktkultur ebenso eine Rolle spielen wie ein fächerübergreifendes Engagement für Wertebildung oder etwa den regulären Unterricht ergänzende Projekte.

Das thematisch profilierte Publikum fragte, ob man nicht unterscheiden müsse zwischen guten und schlechten Werten, problematisierte Wertungsdifferenzen – z.B. Eltern versus Peers oder Alteingesessene versus Zugezogene – und stellte den Wertediskurs unter Neoliberalismusverdacht. Gruhne hatte von Anfang an auf die Anstrengung verwiesen, in pluralistischen Gesellschaften Werte immer wieder aushandeln zu müssen, selbst wenn dies anstrengend und aufreibend sei. Als in einigen Wortmeldungen auf nichtverhandelbaren Werten beharrt wurde, ergänzte sie, dass bei Verstößen gegen universelle Werte selbstverständlich deutlich und klar sanktioniert werden müsste. Allerdings dürften auch diese Sanktionen wiederum den bestehenden Wertekonsens oder die universellen Werte nicht verletzen. Wenn einer Gruppe beispielsweise Respekt ein wichtiger Wert sei, müsse also auch respektvoll sanktioniert werden. Wenn Menschenwürde ein nicht verhandelbarer Wert ist, dann dürfte diese auch bei Sanktionen nicht verletzt werden. Letztlich trügen alle Menschen einer Gruppe oder Gesellschaft die Verantwortung, für gemeinsame Werte einzustehen und danach zu handeln. Wichtiger als über Werte zu reden sei also diese auch im Alltag zu leben, so das Fazit.

Tina Bär von der Humanisten Akademie Deutschland leitete das folgende Podium "Welche Formen von Humanismusunterricht?" ein mit einem Überblick über die verschiedenen Formen von Religions- und Weltanschauungsunterricht und Ethik in der Bundesrepublik. Von Versuchen eines gemeinsamen Werteunterrichts in unterschiedlicher Trägerschaft mit allen Schüler/innen bis hin zum klassischen verpflichtenden Religionsunterricht, von dem man sich mit je nach Bundesland variierendem Schwierigkeitsgrad für mehr oder weniger gut ausgebaute Ersatzfächer abmelden kann, haben die Bundesländer sehr unterschiedliche Lösungen gefunden. Drei davon wurden von den Gästen auf dem Podium, die gängige Positionen des humanistisch-säkularen Spektrums repräsentierten, exemplarisch diskutiert: Lutz Renken vom Humanistischen Verband Niedersachsen vertrat die Variante des nicht-bekenntnisorientierten Ersatzfachs "Werte und Normen"; Werner Schultz vom Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg das sogenannte Berliner Model mit dem fakultativen Bekenntnisfach Humanistische Lebenskunde in den Klassen 1- 6 und dem gemeinsamen Fach Ethik in Klasse 7-10; Silvana Ulrich-Knoll vom Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften plädierte für ein gemeinsames Ethikfach für alle anstelle von separatem schulischem Religions- und Weltanschauungsunterricht. 

Tina Bär, Werner Schultz, Lutz Renken, Silvana Ulrich-Knoll (v.l.)
Foto: DHT2019 Hamburg/Evelin Frerk Tina Bär, Werner Schultz, Lutz Renken, Silvana Ulrich-Knoll (v.l.)

 

In der Diskussion war den Podiumsteilnehmenden ihr Anliegen deutlich anzumerken, unterschiedliche Modelle in unterschiedlichen Bundesländern zu tolerieren. Alle Lösungen hätten ihre Vor- und Nachteile, aber alle ihre – vor allem pragmatisch begründete – Rechtfertigung im Rahmen der jeweils bestehenden Möglichkeiten. Dass es in einer pluralistischen Gesellschaft besser sei, wenn die Kinder sich in einem gemeinsamen Ethikunterricht miteinander auseinandersetzen, anstatt aufgeteilt nach Religion und Weltanschauung nur getrennt in einzelnen Gruppen, war das zentrale Argument – im Publikum wie auf dem Podium – für einen gemeinsamen Ethik-Unterricht. Für ein Bekenntnisfach Humanistische Lebenskunde, wählbar als gleichberechtigte Alternative zum ebenso weiterhin stattfindenden Religionsunterricht, wurde neben dessen Freiwilligkeit und der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Integration von Religion und Weltanschauung im schulischen Rahmen vor allem angeführt, dass dieser – anders als der "nüchterne" Ethikunterricht – für humanistisches gesellschaftliches Engagement motivieren und in authentischer Weise orientierende Sinnangebote machen könne. Die pädagogisch durchaus naheliegende Frage, welche Unterrichtsform gerade aufgrund ihrer geringsten "Unterrichtsförmigkeit" (z.B. keine Benotung) am besten für Werteförderung geeignet sei, wurde erstaunlicherweise nicht vertieft.

Der dritte und letzte Teil der Tagung zielte darauf ab, das Thema nochmals vor dem lokalen bzw. regionalen Hintergrund zu vertiefen. Ausgehend von der generellen Bejahung eines integrativen Werteunterrichts für alle Kinder kritisierte Gisela Schröder vom Säkularen Forum Hamburg in ihrem Vortrag den sogenannten "Religionsunterricht für alle" (RUFA) in der Hansestadt. In diesem von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland verantworteten Unterricht mit Abmeldemöglichkeit werden die Schüler der Klassen 1-6 gemeinsam im Klassenverband unterrichtet (danach ist er Wahlpflichtfach mit Philosophie als Alternative). Schröder bemängelte vor allem, dass es den Konfessionsfreien (ca. 50 % In Hamburg) verwehrt werde, an der Gestaltung des Religionsunterrichts für alle mitzuwirken und dass die Inhalte auf Religion zentriert und wenig bis gar nicht ansprechend für konfessionsfreie Kinder seien.

In der Diskussion wurde darüber hinaus deutlich, dass für viele Teilnehmende ganz prinzipiell die Tatsache von verpflichtendem Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Deutschland inakzeptabel ist. Beifall erhielten Publikumsbeiträge wie "Religion raus aus der Schule" oder Forderungen nach stärkerer schulischer Konzentration auf Naturwissenschaften und Evolutionstheorie. Auf dem von Christian Lührs (Säkulares Forum Hamburg) moderierten Podium hielt Kurt Edler, ehemaliger Referatsleiter am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg und Koordinator der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, dagegen: Religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates bedeute auch, dass Religionen sich in einem Bekenntnisunterricht selbst erklären dürften; religiöse Unbildung sei ein Einfallstor für Extremismus; auch sei es besser, das "Ganze" zusammenzuhalten, anstatt zum Weltanschauungskampf aufrufen. Allerdings war man sich auf dem Podium einig, dass es beim Hamburger RUFA deutlichen Nacharbeitungsbedarf in Sachen Pluralismustauglichkeit gäbe. Insbesondere die anderen beiden Podiumsgäste Barbara Brüning (Universität Hamburg) und Katharina Neef (Universität Leipzig) gaben ihrer Sorge vor religiöser Überwältigung im Unterricht Ausdruck und plädierten für eine angemessenere Berücksichtigung der Philosophie im RUFA, anstelle der einseitigen theologischen Konzeption. 

Insgesamt wurde auf der Tagung die Kontroverse um den Werteunterricht in Deutschland, insbesondere derjenigen im säkular-humanistischen Spektrum, deutlich artikuliert und in argumentativer Breite sehr reflektiert ausgetragen. Konsens oder gar eine einheitlich favorisierte Lösung deuteten sich – wie durchaus erwartet – nicht an.

Dabei ließ sich nicht ganz der Eindruck vermeiden, dass so mancher am Thema Werte interessierte Mensch durchaus dazu zu neigen scheint, schnell, viel und gelegentlich allzu apodiktisch zu bewerten. Vielleicht aber gehört zu einem humanistischen Diskurs über Werte auch die Fähigkeit zu einer temporären und partiellen Wertungsabstinenz. Eine Art aufklärerische Befreiung vom automatischen Impuls des eigenen Bewertens, ein noch deutlicheres, zeitweiliges Verharren in der gemeinsamen Reflexion.   

Tina Bär / Ralf Schöppner

 

Die Tagung wurde gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.

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