Religiöse kapern Berliner Humboldt-Uni – Wo bleiben die Humanist_innen?

(c) S. Hofschlaeger / pixelio.de
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Die katholische Theologie bekommt ein eigenes Zentralinstitut an der Berliner Humboldt-Universität. Neben der bereits bestehenden Guardini-Stiftungsprofessur für Religionsphilosophie und theologische Ideengeschichte werden fünf weitere Professuren angesiedelt (zwei W3-Stellen, 3 W1-Juniorprofessuren). Der Berliner Tagesspiegel berichtete unlängst von einer Abnickstimmung im Akademischen Senat der Universität. Bei der vorherigen Sitzung sei die dort erfolgte Präsentation des Instituts-Konzepts auch gar nicht erst auf der Tagesordnung erschienen, ganz so, als ob die Angelegenheit möglichst im Verborgenen erledigt werden sollte. Verwundern kann das nicht, denn angesichts der großen Mehrheit kirchen- und religionsferner Menschen in Berlin ist die demokratische Legitimität theologischer Institute mindestens fragwürdig.    

Zum Wintersemester 2019/20 startet wahrscheinlich auch die Islam-Theologie an der Humboldt-Universität. Neben den 4 geplanten W3-Professuren hat die Universität zwei weitere Forschungsprofessuren beim Bundesministerium für Bildung und Forschung beantragt. Anfangs hatte sich offensichtlich keine Berliner Universität für ein solches Institut bewerben wollen. Immer wieder ist zu hören oder zu lesen, dass die Humboldt-Universität sich schließlich vom Senat überreden ließ. So machtlos sich Berliner Politikerinnen mit Hinweis auf die Hochschulautonomie gerne geben, wenn es um die Einrichtung eines Instituts für Humanistik geht, sind sie dann anscheinend doch nicht. Dass die Gründung des Instituts als "Islamischer Friedensschluss" bezeichnet wurde, mag Demokratinnen und Demokraten zusätzlich irritieren. Im Beirat des Instituts sind nur konservative Muslim-Verbände vertreten, die auch nur einen minimalen Teil der Muslime repräsentieren.

Nimmt man die 11 Professuren der evangelischen Theologie hinzu, so wird man schließlich mindestens bei der stattlichen Anzahl von 23 theologischen Professuren in Berlin landen, einer Stadt mit ca. 61 % Konfessionsfreien. Aus Sicht des religiös-weltanschaulich neutralen Staates ist die Unterhaltung theologischer Institute an staatlichen Universitäten natürlich erklärungsbedürftig und wird oftmals mit dem Hinweis einer notwendigen Einhegung der Religionen begründet. Insbesondere in den Debatten um die Gründung eines islamischen Instituts war oft zu hören, es sei besser, wenn muslimische Theologen und Lehrkräfte an einer staatlich kontrollierten Universität ausgebildet würden. Angesichts der immensen Anzahl theologischer Professoren verschiedenster Konfessionen in Berlin bekommt man da schon ein wenig Angst vor den von den Religionen anscheinend ausgehenden Gefahren.

Mit der geplanten Gründung der beiden Zentralinstitute ist dann auch die Idee einer multireligiösen Fakultät mit Protestanten, Katholiken, Juden, Muslimen und womöglich Humanist_innen gestorben. Was aber wohl auch ein bisschen viel Pluralismus gewesen wäre, anscheinend ist man doch lieber für sich. Vielleicht klingt "Monotheismus" nicht ganz zufällig nach "Monolog" und "Monokultur"?

Im Kontext der Debatte um eine solche "Fakultät der Theologien" hatte Bettina Jarasch, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, Bündnis 90/Die Grünen, angemahnt, es müsse auch über eine akademische Ausbildung der Lehrkräfte, die derzeit weltanschaulichen Unterricht – Humanistische Lebenskunde – an Berliner Schulen anbieten, geredet werden. Die Vertreterinnen der beiden anderen Berliner Regierungsparteien, SPD und Linke, widersprachen dem auf der von verschiedenen säkularen und humanistischen Verbänden ausgerichteten Podiumsdiskussion "Religion first?" am 6. Juni 2018 im Roten Rathaus nicht. Dort hatte der Vertreter des Humanistischen Verbandes Berlin Brandenburg, Thomas Heinrichs, die Einrichtung von acht Berliner Lehrstühlen für Humanistik gefordert.  

Grundsätzlich ist dem auch mit inhaltlichen Argumenten kaum zu widersprechen. Wenn z.B. islamische Verbände mit Blick auf ca. 5.000 Berliner Schüler_innen im islamischen Religionsunterricht auf die Notwendigkeit eines islamischen Institutes zum Zwecke der Ausbildung von Lehrer_innen verweisen, dann spricht angesichts von über 60.000 Schüler_innen im vom Humanistischen Verband angebotenen Unterrichtsfach Humanistische Lebenskunde sachlich eigentlich alles für die baldige Einrichtung eines Berliner Instituts für Humanistik. Das Interesse an einer nicht religiösen Werteorientierung in der Hauptstadt ist immens. Ein Institut für Humanistik würde wissenschaftliche Humanismus-Forschung mit einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung von humanistischen Lehrkräften, Erzieher_innen, Sozialarbeiter_innen, Seelsorger_innen u.a. verbinden. Für einen beträchtlichen Anteil der Berliner Bevölkerung wäre dies ein sinnvolles und durch andere Studiengänge natürlich nicht leistbares Angebot. Nebenbei würde dies auch die demokratische Legitimität religiöser Institute deutlich erhöhen.

Die politischen Bemühungen der humanistischen Verbände aber stoßen – abgesehen von den erwähnten Ausnahmen – noch nicht auf offene Ohren. In anderen Städten ist man da schon weiter, so Leipzig mit seiner Professur für Religionskritik und Veranstaltungen wie der Leipziger Disputation 2019, die das pluralistische Miteinander von religiösen und nicht religiösen Menschen in einer modernen deutschen Großstadt abbilden. Sollte es in der Hauptstadt zum Abschluss eines Staatsvertrages zwischen Senat und Humanistischem Verband KdöR kommen, dann gehört die Vereinbarung zur Unterstützung des Prozesses einer Gründung der Humanistik dort mit hinein.    
 

Ralf Schöppner

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