Humanistische Seelsorge - Internationale Tagung in Utrecht

Am 18. Mai 2018 trafen sich Humanismusforscher/innen und humanistische Praktiker/innen aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland in Utrecht zur internationalen Konferenz "Humanism, Humanistic Practices and Humanist Counselling in the 21st century". Neben einem grundsätzlichen Austausch zu aktuellen Herausforderungen und Entwicklungen des organisierten Humanismus der europäischen Nachbarn, stand im Vordergrund vor allem die Diskussion um humanistische Seelsorge- und Beratungspraxis. In den Niederlanden und Belgien stellen Angebote Humanistischer Begleitung eine etablierte nicht-konfessionelle Alternative zur religiösen Seelsorge dar, in Deutschland gibt es ähnliche Angebote bislang nur sehr punktuell. Die Tagung bot hier Raum für Austausch und gemeinsames Nachdenken.

Braucht man so etwas wie humanistische Seelsorge überhaupt, fragt man sich vielleicht zunächst, tut es aus weltlicher Sicht psychologische Beratung nicht auch? Deutlich wurde auf der Tagung, dass alle Beteiligten durchaus einen qualitativen Unterschied zwischen psychologischer Beratung und humanistischer Beratung/Seelsorge sehen, weil letztere neben psychologischen Prozessen, existentielle Prozesse aufgreife, die in anderen Kontexten zu kurz kommen. Zentrales Ziel humanistischer Beratung sei aus Sicht der Forscher/innen in Utrecht die Schaffung von existentieller Resilienz, der persönlichen Widerstandsfähigkeit, wenn Lebenskrisen auch existentielle Fragen betreffen.

In den Niederlanden ist die humanistische Seelsorgepraxis sehr weit verbreitet und setzt in spezifischen Kontexten da an, wo Beratung und Begleitung an unterschiedlichen Punkten in öffentlichen Institutionen benötigt wird, wie etwa in Krankenhäusern oder beim Militär. Je nach dem, in welchem Sektor die humanistische Seelsorge und Beratung ansetzt wird sie dann auch über verschiedene öffentliche oder private Kanäle finanziert. In Belgien gibt es mit den "HuisvandeMens" ebenfalls eine ausgeprägte humanistische Beratungspraxis, allerdings viel generalistischer organisiert, als in den Niederlanden, weil diese Einrichtungen offene Häuser sind, in denen man zu den unterschiedlichsten Anliegen Rat und Begleitung finden kann – von der Unterstützung bei der Ausrichtung humanistischer Lebensfeiern bis zur Beratung in Lebenskrisen. Diese Häuser werden zentral vom Staat auf Basis langwieriger Verhandlungen finanziert.

Dieser sehr offene Ansatz der Belgier wirft eine Frage auf, die auch in den Niederlanden und in Deutschland debattiert wird: Wie offen soll humanistische Beratung und Seelsorge sein? Ist sie Beratung in einer humanistischen Haltung für alle, die sie wahrnehmen möchten? Oder sollte sie vor allem ein Angebot für Menschen sein, die sich explizit einer humanistischen Weltanschauung zugehörig fühlen? Eine Frage, die auch die erfahrenen Praktiker/innen in Belgien und den Niederlanden nicht abschließend geklärt haben. Spannend ist aber in diesem Zusammenhang, dass es in den Niederlanden seit 2013 auch nicht-institutionell gebundene Seelsorge zu geben scheint – Ein Angebot der "Seelsorge für alle", völlig unabhängig von ihrem jeweils religiösen oder weltanschaulichem Hintergrund.

Eine weitere Frage, die humanistische Praktiker/innen aus allen drei Ländern sehr beschäftigt und die auf der Tagung diskutiert wurde: Wie explizit sollte humanistische Beratung als humanistisch auftreten und wann und wo ist ein eher impliziter Humanismus ausreichend oder angemessen? Humanistische Berater/innen fühlen sich in der deutschen Beratungslandschaft bislang oft eher als "Humanistische Berater/innen inkognito", wie es eine der Teilnehmer/innen ausdrückte. Aber selbst in den Niederlanden, wo humanistische Seelsorge weit verbreitet und bekannt ist, erfolgt die Beratung nicht in allen Bereichen gleich offensiv, im Gesundheitswesen beispielsweise sprechen die Praktiker/innen vor Ort selbst eher von einem impliziten Humanismus, der die Beratungsarbeit bestimmt. Auch das ein Aspekt humanistischer Seelsorge, zu dem es auch in den Niederlanden und Belgien keine einhellige Meinung und unterschiedliche Versuche und Erfahrungen gibt, wie in der Diskussion deutlich wurde.

Der sehr bereichernde Austausch in Utrecht wird in den nächsten Monaten noch ausführlicher von Seiten der Humanistischen Akademie dokumentiert. Insgesamt ein viel zu kurzer Tag, um alle Fragen ausreichend klären zu können, aber ein Tag, der viele Anregungen und Gedanken für die Entwicklung von humanistischer Seelsorge- und Beratungspraxis auch in Deutschland geboten hat.
 

Tina Bär