Wie wir leben wollen – Humanismus und gutes Leben
(c) Gerhard/berlin-magazin.de
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Was lässt sich über ein gutes Leben sagen? Ist das eine rein individuelle Angelegenheit? Oder lassen sich verallgemeinerbare Prinzipien und Handlungsweisen finden, die für das Zusammenleben von Bedeutung sind? Darüber diskutierten am 20./21. Mai die Teilnehmer_innen der Tagung „Wie wir leben wollen – Humanismus und gutes Leben“. Der Freitagabend bot in der Urania Vorträge und Gespräche mit Joachim Kahl über „gute Menschen“, ob es sie gibt und wie sie so sind und Michael Hampe darüber, warum allgemeine Theorien über das Glück wenig taugen und es trotzdem vieles dazu zu sagen gibt.

Für Joachim Kahl schien es entschieden: Gute Menschen gibt es. Wie sie sein sollten? Kahl favorisiert ein modernisiertes und  geschlechtsübergreifendes Gentlemanideal als ein humanistisches Persönlichkeitsideal mit den vier Leitmotiven: Selbstbehauptung, Selbstbegrenzung, Fairness, gesunder Menschenverstand. Dabei wendete sich Kahl deutlich gegen den fatalen Sprach- und Wertverfall, der sich im abfälligen Gerede von "Gutmenschen " ausdrückt. Ein guter Mensch sei kein vollkommener Mensch, kein Heiliger, sondern jemand, der Gutes tut. Die unweigerlich mit dem guten Menschen verbundene Frage nach dem bösen Menschen, der Böses tut bot Stoff für die anschließende Diskussion. Ist jemand böse, wenn er einem anderen die Kreditkarte klaut und sein Konto leer räumt? Oder ein Mensch automatisch böse, wenn er jemand anderen umbringt? Für Kahl gelten gut und böse als unverzichtbare Leitbegriffe auch einer naturalistisch unterfütterten Ethik. Das Böse sei unabschaffbar, aber eingrenzbar.

Michael Hampe machte im Anschluss deutlich, dass Glück nicht etwas ist, was man herstellen kann, wie es das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ nahelege. Leben sei Praxis, wir führten unser Leben und reagierten auf Umstände, die wir selbst nicht hervorgerufen haben. Ein glückliches Leben sei ein Zusammenspiel dessen, was uns wiederfahre, wie wir darauf reagierten und wie wir unsere Pläne darin noch unterbrächten. Glück habe etwas damit zu tun, ob die Umstände es ermöglichten, dass sich das eigene Wesen entfalten könne. Für Hampe führe an dieser Stelle die empirische Wissenschaft wenig weiter. Zwar gebe es empirische, verallgemeinerbare Forschung über das Leiden. Glück sei aber nicht einfach die Abwesenheit von Leiden, sondern etwas sehr individuelles. Lebensglück erfordere im Unterschied zur Ansammlung von Glücksmomenten Mut zur Reflektion des eigenen Lebens, Wahrhaftigkeit und Fantasie. Nur dann erkenne man zeitliche Muster, die man fortsetzen oder nicht fortsetzen wolle. Das sei nun aber gerade keine reproduzierbare Laborerfahrung, sondern eine ganz individuelle Lebenserfahrung, die einem kein Ratgeber abnehme.

Am Samstag ging es auf dem GLS Campus mit sehr praktischen Fragen des guten Lebens weiter. Die diskussionsfreudigen Teilnehmer_innen sprachen mit Kathrin Hartmann darüber, wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren und was sich dagegen unternehmen lässt, mit Dominique Zimmermann über „Gute Liebe, schlechte Liebe“ und die Vielfalt unserer Liebes- und Sozialbeziehungen und mit Philipp Möller über Glück ohne Gott.
 Kathrin Hartmann las aus ihrem Buch „Aus kontrolliertem Raubbau, in welchem sie kritisch mit dem Ruf nach intelligentem Wachstum und grüner Ökonomie ins Gericht geht. Beides solle in ihren Augen das Wirtschaften nachhaltig und sozial machen. Doch für Hartmann steht in Frage, ob technikzentrierte Ansätze wie Elektro-Autos statt CO2-Schleudern, Biosprit statt Benzin und Aquakultur statt Überfischung wirklich die Lösung seien, wie sie von der Politik subventioniert, von Umweltorganisationen unterstützt und mit Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichnet würden – und ob die Suche nach intelligenten und innovativen Lösungen überhaupt der richtige Weg sei. Die Suche nach Alternativen, treffe es in ihren Augen eher. Und so war auch die Diskussion geprägt von der gemeinsamen Suche danach, was sich konkret ändern ließe. Bürger_innen seien nicht nur als Verbraucher_innen, sondern vor allem als Bürger_innen gefragt, die sich gemeinsam für die Veränderung von Institutionen einsetzen, so der Tenor.

Dominique Zimmermann stellte in Ihrem Beitrag die Frage, was Liebe fern des starken Gefühls der Verliebtheit sei und ob es so etwas wie gute Liebe und schlechte Liebe überhaupt gebe. Sie plädierte für eine neue Unordnung der Liebes- und Freundschaftsbeziehungen. Wichtig sei aus ihrer Sicht, dass Liebesbeziehungen sowohl für ein Ja als auch ein Nein Platz hätten. Die bürgerliche Ehe sei eine Beziehungsform, die nur auf dem Ja aufbaue: denkbare Alternativen wären etwa Care Gemeinschaften. Verglichen wir gängige Attribute von Freundschaft und Liebe, werde deutlich, dass es viel mehr Überschneidungen gebe als angenommen. Aspekte, die wir in jeder Freundschaft selbstverständlich voraussetzten, könnten wir auch in Liebesbeziehungen suchen und kultivieren – ein Plädoyer für mehr Offenheit für vielfältige Beziehungen, für die es nicht immer einen Namen gebe, die manchmal an ihre Grenzen kämen, im besten Fall aber auch zu mehr Stabilität in unserem Leben und unseren Beziehungen führten.

Philipp Möller veranschaulichte am Beispiel des fiktiven Paares Hugo und Lisa, wie für ihn ein gutes, glückliches Leben ohne Gott aussieht. Dabei stellte er klar, dass man gottlos nicht automatisch glücklich und gottgläubig nicht automatisch unglücklich sei, dass er aber einen alternativen Lebensentwurf beschreiben wolle, ganz praktisch, verständlich und unterhaltsam. Einen Lebensentwurf, bei dem die Eltern ihre Kinder zu verantwortungsvollen Menschen erziehen, die sich gegen Ungerechtigkeit auflehnen und Autoritäten kritisch hinterfragen, die tolerant mit ihrem Mitmenschen sind, sich die Welt mit ihrem Verstand erschließen, die sich nicht als „Krone der Schöpfung“ verstehen, sondern einfach als Teil fortschreitender Evolution, die Kinder bekommen und glücklich sind und Gutes tun, ganz ohne religiösen Unterbau. Welche Rolle Freude, Zweifel und existenzielle Fragen im exemplarischen Leben der beiden spielen, wurde in der Diskussion nur angerissen und wird auch gemeinsam weitergedacht werden müssen. Sie sind herzlich dazu eingeladen.

Tina Bär

(c) Tina Bär
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