Tagung der Bundesakademie „Einsprüche gegen Postfaktizität“ in Nürnberg - Tagungsbericht
Petra Kolmer sprach über "Verlässliche Erkenntnis". © Ralph Schwägerl
Petra Kolmer sprach über "Verlässliche Erkenntnis". © Ralph Schwägerl

Am 17. Juni 2017 waren mehr als 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Gast bei einer Veranstaltung der Humanistischen Akademie Deutschland im Rahmen des Humanistentages in Nürnberg. Im Zentrum der Tagung „Einsprüche gegen Postfaktizität“ stand die Frage, wie ein zeitgenössischer Humanismus mit seiner spezifischen Verbindung von Wissenschaft und Weltanschauung politisch wirksam werden kann gegen die Zumutungen der sogenannten „Postfaktizität“ und wie das Ringen um die Richtigkeit von Fakten und Normen verteidigt werden kann.

Den Einstieg in das Tagungsthema bildete der Vortrag „Verlässliche Erkenntnis – Warum ‚alternative Fakten‘ keine Option sind“. Die am Philosophischen Institut der Universität Bonn lehrende Philosophin und Religionswissenschaftlerin Petra Kolmer vertrat die These, dass „Postfaktizität“ nicht erst neuerdings durch Trump und Konsorten in die Welt gekommen sei. In einem knappen philosophiegeschichtlichen Überblick von der Antike bis in die Neuzeit veranschaulichte sie den Gästen, wie sich Kohärenztheorien von Wahrheit gegenüber Korrespondenztheorien durchgesetzt hätten: Letztere betrachten Wahrheit als eine Relation von Wirklichkeit und Wissen, erstere als ein stimmiges Verhältnis von Aussagen. Eine Vielzahl heute gängiger Wahrheitsverständnisse z.B. systemtheoretischer oder konstruktivistischer Provenienz basierten auf der Kohärenztheorie, ließen die Wirklichkeit weitgehend unthematisiert und beförderten dadurch eine Einstellung, auf die das Wort und die Bedeutung „postfaktisch“ zutreffe. An Beispielen aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch – „wahre Freundschaft“, „wahre Liebe“, „In Wahrheit…“ – demonstrierte Kolmer, dass das mit Wahrheit letztlich Gemeinte keineswegs nur von akademischem, sondern von vitalem menschlichen Interesse sei: Wir suchen Verlässlichkeit in unseren sozialen Bezügen. Es gelte, das Bewusstsein lebendig zu halten, dass wir auf verlässliches Wissen angewiesen sind und dass wir beanspruchen, dass unsere Aussagen auch durch „die Wirklichkeit“ und nicht nur willkürlich durch uns „wahr gemacht“ werden. Wir können dabei kritisch die Konstruktionsbedingungen unserer Erkenntnis reflektieren, skeptisch bleiben in Bezug auf unseren Zugang zur Wirklichkeit und gleichzeitig unsere eigenen Ansprüche verteidigen, zwischen wahr und falsch unterscheiden zu wollen. In der anschließenden Diskussion wurde kontrovers darüber debattiert, ob es denn ausreiche, lediglich einen solchen allgemeinen Anspruch auf Wahrheit zu verteidigen. Zeigen nicht beispielsweise Debatten um Kreationismus oder auch Verschwörungstheorien – genannt wurden die „Flat-Earthers“ – eine darüber hinaus gehende Notwendigkeit der direkten Verteidigung klarer Unterscheidungen von Wahrheit und Unwahrheit?  

Der zweite Vortrag zielte darauf ab, zu diskutieren, was eine menschengerechte Wirtschaftsordnung ist. Der Philosoph und Wirtschaftsethiker Gerhard Engel stellte grundlegende wirtschaftswissenschaftliche Gedanken zur Funktionsfähigkeit von Märkten, zum Problem externer Effekte und kollektiver Güter, zu Eigentumsrechten, Humankapital und Mentalitäten dar mit dem Anspruch, den Teilnehmenden eine fundierte Diskussionsgrundlage zu bieten, um sich der Frage danach, wie eine Wirtschaftsordnung menschengerecht gestaltet werden kann, selbst denkend und im Austausch mit anderen nähern zu können. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurden die präsentierten Grundannahmen, denen auch der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream zu folgen scheint, wie beispielsweise das Kalkül der rationalen Wahl der Individuen oder die Annahme einer Tragik der Allmende, in Frage gestellt. Diskutiert wurde die stark normative Orientierung der Wirtschaftswissenschaften und die fehlende Offenheit der universitären Wirtschaftswissenschaft für alternative Theoriekonzepte. Es stellte sich also mit Blick auf das Tagungsthema die Frage nach der Postfaktizität der Wirtschaftswissenschaften, denen der Referent mit dem Hinweis auf das hohe Erklärungspotential der von ihm präsentierten Ansätze begegnete. Gleichzeitig fanden die Teilnehmenden Beispiele, bei denen herkömmliche Modelle an ihre Grenzen kommen. Elendsviertel im globalen Süden seien eben nicht einfach nur Resultat von Marktversagen und Menschen durchaus auch in der Lage, im öffentlichen Raum mehr als ihre eigenen Interessen zu vertreten. Es wurde diskutiert, welche Rolle Verteilungsfragen und Chancengerechtigkeit spielen und warum eine menschengerechte Wirtschaftsordnung vor allem in den Blick nehmen muss, dass Wirtschaft dem Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt.

Der dritte Vortrag thematisierte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Frage, wie sozial „social freezing“ ist, eine medizinische Technik, bei der Eizellen eingefroren werden und zu einer zeitlich verschobenen Mutterschaft genutzt werden können. Die Medizinethikerin Viola Schubert-Lehnhardt erläuterte in ihrem Vortrag, dass Unternehmen wie Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern inzwischen anbieten, die Kosten für diese Technik zu übernehmen und in diesem Zuge auch in deutschen Medien viel darüber diskutiert wurde. Die Referentin stellte nach einem grundsätzlichen Vergleich von kurativer Medizin und Wunschmedizin die Frage, ob die Technik des Eizelleneinfrierens ein Freiheitsgewinn für die Frauen und Paare sei, die dann unabhängig von ihrer biologischen Uhr, auch mit Ende vierzig noch Kinder bekommen könnten, oder ob mit der Technik des „social freezing“ eher ein soziales Problem mit medizinischen Mittel gelöst werde. In der Diskussion wurde diese Kontoverse aufgegriffen und thematisiert, dass unklar ist, welche Mitspracherechte die Unternehmen im Falle der Kostenübernahme wohl hätten, den Zeitpunkt der Fertilisation mitzubestimmen und ob Staat und Unternehmen mit der Förderung einer solchen Technik aus der Pflicht entlassen werden, für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen. Diskutiert wurde auch, inwiefern eine solche Technik Druck aufbaut, sich für eine späte Schwangerschaft zu entscheiden, wo sie doch medizinisch möglich sei, oder welche Auswirkungen eine sehr späte Elternschaft wohl auf das Wohl der Kinder habe. Einig war man sich, dass mehr über die Chancen und Risiken dieser Technik aufgeklärt werden müsse und dass die Förderung von „social freezing“ kein Ersatz für familienfreundliche Arbeitsmarktpolitik sein könne. Kontrovers diskutiert wurde jedoch, inwieweit diese Technik staatlich reglementiert werden sollte oder ob die Entscheidung nicht jede Frau oder jedes Paar selbstbestimmt für sich treffen sollte. Die Frage, ob mit dieser Technik ein Freiheitsgewinn einhergehe, hinge eben entscheidend davon ab, ob die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so seien, dass eine wirklich freie und faktenbasierte Entscheidung dafür oder dagegen möglich ist.

Die Tagung wurde abgerundet durch den vierten Beitrag „Humanistische Werte für die Einwanderungsgesellschaft?“. Ralf Schöppner, Geschäftsführer der Humanistischen Akademie Deutschland, nahm eingangs Bezug auf den aktuell im Humanistischen Verband diskutierten Entwurf eines neuen Humanistischen Selbstverständnisses und stellte dem Publikum fünf zentrale Überzeugungen daraus vor: Lebensfreude, Selbstbestimmung, soziale und politische Verantwortung, Kritik und Toleranz, Weltlichkeit. Warum er dabei stets von Überzeugungen und nicht etwa von Werten sprach, begründete er anschließend mit der inflationären öffentlichen Rede von Werten, die oftmals wenig aussagekräftig und politisch fragwürdig sei. Es werde verkannt, dass das Verständnis von Werten historisch und kulturell variabel sei; im Gestus eigener moralischer Überlegenheit würden die je eigenen Werte zum Zwecke ihrer allgemeinen Verordnung gerne als Ewige beschworen; Werte würden politisch instrumentalisiert und müssten oft auch dafür herhalten, notwendige Debatten um ausreichend vergütete Arbeit und bezahlbare Wohnung zu vermeiden. Dennoch, so Schöppner, müsse auch etwas dran sein an der Sache mit den Werten, wenn so viel darüber debattiert werde. Wer über Werte rede, dem seien Fragen des Lebens und Zusammenlebens wenigstens nicht gleichgültig; lebendige Debatten über gesellschaftliche Weiterentwicklung würden durch Wertediskurse ermöglicht. Letztendlich ginge es darum, weniger eine Gemeinschaft mit festgelegten Werten zu verteidigen als vielmehr eine, in der beständig um gemeinsame normative Fest- und Auslegungen gerungen wird. Schöppner plädierte – in Abgrenzung zu einem multikulturellen Nebeneinander – für ein echtes interkulturelles Miteinander, das sicherlich von Erfreulichem ebenso wie von wechselseitigen Zumutungen geprägt sei. Humanistische Integration – der Ansässigen wie der Dazukommenden – sei erstens ökonomisch-soziale Integration (Arbeit, Wohnung, Beziehung), zweitens juristisch-politische Integration (Grund- und Menschenrechte, Demokratie, Partizipation) und vor allem drittens auch das kulturelle, pädagogische und politische Werben für humanistische Lebenseinstellungen und Lebensformen. In der Diskussion ergaben sich insbesondere zwei Streitpunkte: Was genau kann einfließen in eine lebendige interkulturelle Debattenkultur, was aber ist unverhandelbar? Wird es gegenwärtig oder in Zukunft einen relevanten Bevölkerungsanteil in Deutschland geben, der sich solchen Debatten verweigert und Pluralismus und Demokratie gefährdet oder bekämpft?

Die Vorträge und Diskussionen konnten in ihrer Vielfalt und Kontroversität aufzeigen, wie man auch im Rahmen einer erkenntniskritischen Grundhaltung sowohl inhaltlich als auch methodisch durch Argumentieren, Zuhören und Debattieren begründete - und mindestens graduelle - Unterscheidungen in Hinsicht auf wahr und falsch, wahrscheinlich und nicht wahrscheinlich, richtig und falsch machen kann.

Tina Bär und Ralf Schöppner

 

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