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"Vielfalt ist der Normalzustand!"

veröffentlicht: 17. März 2026, 09:03 Uhr

Yoga ist für alle da – egal, ob mit Gehbehinderung, chronischen Schmerzen oder einfach dem Wunsch, im Alter beweglich und geerdet zu bleiben. Katja Sandschneider, Yogalehrerin mit eigener Behinderungserfahrung, erzählt, wie kleine Übungen im Alltag Großes bewirken, warum Hilfsmittel wie Stühle oder Wände die Praxis bereichern und was es braucht, damit Yoga für jeden zugänglich wird.

Hallo liebe Katja, was hat dich persönlich dazu bewegt, dich auf barrierefreies Yoga zu spezialisieren?

Das hat viel mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Durch meine Gehbehinderung und Skoliose hatte ich schon früh in meinem Leben Rückenschmerzen und habe vieles ausprobiert – Physiotherapie, Schwimmen, Fitnessstudio, Feldenkrais. Aber Yoga war das Erste, was mir wirklich nachhaltig geholfen hat. Irgendwann kam der Gedanke: Wenn mir das so guttut, dann möchte ich auch anderen Menschen mit Einschränkungen zeigen, dass Yoga für sie möglich ist.

Welche körperlichen und geistigen Vorteile hat Yoga speziell für ältere Menschen?

Viele ältere Teilnehmende sagen mir, dass sie sich durch Yoga wieder beweglicher und geerdeter fühlen. Gleichzeitig merken sie, dass der Atem bewusster wird und der Kopf ein bisschen mehr zur Ruhe kommt. Das tut gerade in einer Lebensphase gut, in der der Körper sich verändert. Für mich ist Yoga deshalb nicht nur Bewegung, sondern auch eine Art, wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu bekommen und dadurch das Wohlbefinden insgesamt zu steigern.

Wie gehst du mit der Vielfalt der Teilnehmer*innen um, sowohl körperlich als auch in Bezug auf ihre Lebenserfahrungen?

In meinen Kursen ist Vielfalt der Normalzustand. Jede Person bringt ihren eigenen Körper, ihre eigene Geschichte sowie ihre eigenen Grenzen und Fähigkeiten mit – und genau daran orientiert sich die Praxis. Deshalb zeige ich fast immer mehrere Varianten einer Übung – im Sitzen, auf der Matte oder im Stehen – und ermutige alle, herauszufinden, was für sie passt. Am Ende sieht eine Yoga-Haltung bei jedem Menschen ein bisschen anders aus, aber die innere Wirkung kann trotzdem sehr ähnlich sein.

Wie gehst du mit Rückschlägen oder Frustration um, wenn Übungen nicht sofort gelingen?

Das gehört im Yoga tatsächlich ganz normal dazu. Unser Körper ist ja kein Projekt, das man schnell „optimiert“. Manchmal braucht es einfach Zeit oder eine andere Variante der Übung. Ich versuche immer zu vermitteln, dass es im Yoga weniger um Leistung geht, sondern darum, den eigenen Körper besser zu verstehen. Außerdem sprechen wir nach der Stunde oft gemeinsam zu den erlebten Erfahrungen. Es ist mir wichtig, einen vertrauten Rahmen für Austausch zu schaffen, sodass meine Teilnehmenden merken, dass wir alle mit den gleichen – oder zumindest sehr ähnlichen – Herausforderungen umgehen müssen und voneinander lernen können.

Wie können ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Mobilitätseinschränkungen Yoga langfristig in ihren Alltag einbauen?

Ich glaube, das Wichtigste ist, die Hürde möglichst niedrig zu halten. Es müssen keine langen Yoga-Sessions sein. Schon ein paar Minuten Bewegung oder eine bewusste Atemübung können viel verändern. Wenn man solche kleinen Momente regelmäßig einbaut, wird Yoga irgendwann ganz selbstverständlich Teil des Alltags. Genau diese Regelmäßigkeit macht auf Dauer den Unterschied.

Gibt es einfache Übungen, die z.B. im Sitzen, beim Warten oder sogar im Bett durchgeführt werden können?

Ja, auf jeden Fall. Ein paar Schulterkreise im Sitzen, eine sanfte Drehung der Wirbelsäule oder einfach ein paar bewusste tiefe Atemzüge können schon erstaunlich viel bewirken. Viele Übungen lassen sich auch im Bett oder auf einem Stuhl machen. Yoga beginnt oft mit Aufmerksamkeit – nicht unbedingt mit komplizierten Positionen.

Welche Hilfsmittel (z.B. Stühle, Decken, Wände) empfiehlst du für die Praxis zu Hause?

Ein stabiler Stuhl ist wahrscheinlich das beste Yoga-Hilfsmittel überhaupt. Dazu kommen Decken, Kissen, ein Schal oder Gürtel und die Wand, an der man sich abstützen kann. Für mich gehören Hilfsmittel ganz selbstverständlich zur Praxis. Gegenstände aus der Wohnung lassen sich dafür wunderbar nutzen. Es ist nicht notwendig, sich zuerst teures Material zu kaufen, bevor man mit der Yoga-Praxis beginnen kann.

Wie lässt sich Yoga mit anderen Aktivitäten (z.B. Spaziergängen, Gartenarbeit, Hausarbeit) verbinden?

Yoga findet eigentlich überall statt, nicht nur auf der Matte. Beim Spazierengehen kann man zum Beispiel bewusst den Atem beobachten oder nach der Gartenarbeit ein paar Dehnungen einbauen. Auch kleine Pausen im Büroalltag mit Mobilisierungsübungen zwischendurch können eine Art Mini-Yoga sein. Es geht letztlich darum, achtsamer mit dem eigenen Körper umzugehen und unser Gedankenkarussell zu beruhigen.

Was rätst du Senior*innen, die sich vielleicht unsicher fühlen oder noch nie Yoga ausprobiert haben?

Ich würde sagen: neugierig bleiben und es mal ausprobieren. Viele denken, Yoga sei nur etwas für sehr junge, gesunde und bewegliche Menschen – das stimmt überhaupt nicht. Gerade angepasste und sanfte Formen können unglaublich wohltuend sein. Oft merkt man schon nach der ersten Stunde, wie gut es tut – und das motiviert.

Wie siehst du die Zukunft von barrierefreiem Yoga? Gibt es Trends oder Entwicklungen, die Du besonders spannend findest? Was würdest du dir wünschen? 

Ich habe den Eindruck, dass das Thema inzwischen mehr Aufmerksamkeit bekommt, und das freut mich sehr. Immer mehr Yogalehrende interessieren sich dafür, wie sie ihren Unterricht zugänglicher gestalten können. Ich bilde regelmäßig auch Yogalehrende zu diesem Thema fort. Mein Wunsch wäre, dass barrierefreies Yoga irgendwann gar nicht mehr als etwas Besonderes gilt. Yoga sollte eigentlich für alle Menschen zugänglich sein.

Dein Kurs im Mai im Haus des HUMANISMUS war ja sehr schnell ausgebucht. Was können Interessent*innen tun, die keinen Platz mehr ergattert haben? Gibt es weitere Termine oder Angebote? 

Der Kurs im Mai ist tatsächlich auf Wunsch meiner Teilnehmenden entstanden. Viele praktizieren schon seit fast sechs Jahren im Online-Kurs mit mir. Da einige aus ganz unterschiedlichen Teilen Deutschlands kommen oder in Berlin weit verteilt wohnen, hat der Online-Unterricht gerade im Bereich Barrierefreiheit viele Vorteile – aber sich einmal im selben Raum zu sehen, ist natürlich noch einmal etwas Besonderes. Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft wieder öfter Tages- oder Wochenendworkshops in Berlin anzubieten. Und wer Yoga barrierefrei kennenlernen möchte, kann jederzeit in meinen Online-Kurs am Donnerstagabend einsteigen. 

Katja live erleben
Katja Sandschneider gibt regelmäßig neue Online- und Präsenzangebote. 
Alle Infos unter www.yoga-barrierefrei.de.

Ansprechperson des Verbandes

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