Käte Frankenthal. Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen/ Sozialpolitisches Archiv

Käte Frankenthal. Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen/ Sozialpolitisches Archiv

Käte Frankenthal

veröffentlicht: 1. April 2026, 13:04 Uhr

Sexualreformerin, Ärztin in Berlin-Neukölln, Kämpferin gegen den § 218 im StGB, Dissidentin

Autorin: Dr. Gisela Notz

Vor 50 Jahren, am 1. April 1976 starb Käte Frankenthahl. Ihr Kampf galt dem frauenverachtenden Abtreibungsparagrafen 218 StGB. Sie kannte keine Kompromisse: § 218 streichen – nicht ändern“ war der Titel ihrer Broschüre. Er setzte ein klares Signal und war zugleich die Antwort auf die bürgerlichen Reformistinnen. 
 

Käte Frankenthal wuchs in Kiel in einer gut bürgerlichen Familie auf und wurde nach streng jüdisch-religiösen Regeln erzogen. Gegen den Willen ihrer Eltern legte sie 1909 das Abitur ab und studierte Medizin. Aus Protest gegenüber den bürgerlichen Kommilitoninnen ließ sie sich die Haare kurz schneiden, rauchte, trank und lernte Kampfsportarten. Sie trat nach dem Studium in die SPD ein, die damals eine sozialistische Partei war, aber mehrheitlich den Ersten Weltkrieg unterstützte. Käte Frankenthal lehnte den Krieg ab und wurde dennoch 1915 als einzige Frau Militärärztin bei der österreichisch-ungarischen Armee, weil sie den Soldaten medizinisch zur Seite stehen wollte. Die deutsche Wehrmacht nahm keine Frauen auf. Von 1915 bis 1918 arbeitete sie an der Front im Balkan.


Noch vor dem Ende des Ersten Weltkrieges kehrte sie nach Berlin zurück. Während der Novemberrevolution leistete sie den Aufständischen auf den Straßen Berlins erste ärztliche Hilfe. 1923, nachdem ihre Eltern gestorben waren, trat sie aus der jüdischen Gemeinde aus. Die damals größtenteils konservative Universitätsklinik der Berliner Charité, wo sie seit 1918 als Assistenzärztin beschäftigt war, kündigte ihr 1924. Sie berief sich darauf, dass Frauen aufgrund der Demobilmachungsverordnung von 1918 Frauen ihre Arbeitsplätze den Kriegsteilnehmern freizumachen hatten. Ein interessantes Angebot in der Forschungsabteilung der Charité schlug sie aus, weil der ihr Vorgesetzte Mann sexuelle Gegenleistungen erwartete.  Der Kundenandrang in ihrer Privatpraxis, die sie 1925 eröffnete, war groß, weil sich viele Frauen lieber von einer Ärztin behandeln lassen wollten. Zudem sie auch Ehe- und Sexualberatungen durchführte, kostenlos Verhütungsmittel verteilte und ihren vorwiegend armen Klientinnen bei der Beschaffung von Wohnung, Nahrung und Kleidung half.
 

Auch ihre politische Tätigkeit intensivierte sie: Zwischen 1920 und 1925 war sie hauptamtliche Stadtverordnete im Bezirk Tiergarten, wurde 1925 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt und zog 1930 als Nachrückerin in den preußischen Landtag ein. Sie setzte sich vehement für die Streichung des § 218 aus dem Strafgesetzbuch ein und erreichte, dass in Sexualberatungsstellen kostenlos Verhütungsmittel abgegeben wurden, und zwar auch an ledige Frauen und an Prostituierte. Ihre Forderung „§ 218 streichen – nicht ändern“ geht auch heute noch (oder wieder) über die Forderungen der bürgerlichen Frauen hinaus. 1928 wurde sie zur Schulärztin im Stadtteil Berlin-Neukölln gewählt und war dort auch für die Zwangsuntersuchungen der Prostituierten zuständig. Die sonst diskriminierten Frauen waren ihr dankbar, dass sie von ihr – wie die anderen Patientinnen auch – würdevoll behandelt wurden. 1931 trat sie wegen der Tolerierungspolitik aus der SPD aus und in die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) ein.

 
Nach der Machtübergabe an die Nazi-Faschisten wurde sie am 15. März 1933 – noch bevor das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in Kraft trat - aus dem öffentlichen Dienst entlassen.  Die Prostituierten halfen ihr dabei, sich vor den Verfolgern zu verstecken, bevor sie aus Deutschland fliehen konnte. Wie viele andere Antifaschist*innen floh sie über Prag und Zürich nach Paris und von da aus nach New York, wo sie 1936 entkräftet ankam. Dort schrieb sie Artikel für antifaschistische Zeitungen und half anderen Flüchtlingen. Leider wurde ihre Approbation, die sie als eine der ersten Frauen in Deutschland erhalten hatte, in den USA nicht anerkannt, deshalb begann sie 1943, im Alter von 54 Jahren ein Psychologiestudium und arbeitete ab 1947 als Familientherapeutin bei der Jüdischen Wohlfahrtsorganisation Jewish Family Service. Nach Deutschland wollte sie nur noch zu Besuch kommen. Sie starb am 21. April 1976 in New York. In Berlin-Rudow wurde ein Weg nach ihr benannt.


Literatur:
Claudia von Gélieu: Käte Frankenthal (1889 – 1976): in: Gisela Notz (Hrsg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte, Neu-Ulm 2020, S. 222-223.

Käte Frankental (1889 – 1976,) in: Manfred Isemeyer: Das säkulare Berlin, Berlin 2021, S. 54f.

Kathleen M. Pearle (Hrsg.): Käte Frankenthal. Der dreifache Fluch: Jüdin, Intellektuelle, Sozialistin. Lebenserinnerungen einer Ärztin in Deutschland und im Exil, Frankfurt/New York 1981.

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