• Stolpersteine sind ein Projekt des Berliner Künstlers Gunter Demnig. Mit den kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Im Foto: in Den Haag verlegte Stolpersteine.
    Foto: Roel Wijnants (CC BY-NC 2.0) Stolpersteine sind ein Projekt des Berliner Künstlers Gunter Demnig. Mit den kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Im Foto: in Den Haag verlegte Stolpersteine.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: "Unsere Humanität auf die Probe stellen"

»Anlässlich der Proklamation des Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 1996 sagte der damalige Bundespräsident Roman Herzog, die Erinnerung solle "Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken."

Die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee jährt sich heute zum 76. Mal.

Es ist richtig und wichtig, an einem solchen Tag an gegenwärtigen Antisemitismus, an Fremden- und Menschenfeindlichkeit in unserem Land zu erinnern. Doch eine Erinnerungskultur, die auf bloßen Lippenbekenntnissen beruht, wird diesem Anspruch nicht gerecht. Wir müssen aktiv jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Es ist notwendig, all jenen – in unserem Land und in der Welt – entgegenzutreten, die ihrerseits aus antisemitischen, rassistischen, religiösen oder nationalistischen Motiven Menschen unterdrücken, verfolgen oder gar ermorden.

Ich denke zum Beispiel an die Internierungslager im Autonomen Gebiet Xinjiang, in denen die uigurische Bevölkerung "umerzogen" werden soll, wie die chinesische Zentralregierung ihr Vorgehen gegenüber der muslimischen Minderheit beschönigt – Zwangsmaßnahmen zur Geburtenkontrolle, Masseninternierungen, willkürlichen Verhaftungen und Zwangsarbeit. Rund 1,6 Millionen Menschen vor allem uigurischer, aber auch kasachischer und kirgisischer Abstammung werden gegen ihren Willen festgehalten, laut der Gesellschaft für bedrohte Völker. Expert*innen und Kritiker*innen sprechen von ethnischen Säuberungen und "kulturellem Genozid". Die Washington Post ordnet die chinesische Politik inzwischen sogar als Form des "demografischen Genozids" ein.

Über eine lange Zeit hinweg hat sich Deutschland hierzu gar nicht oder nur sehr zaghaft geäußert, um die chinesische Führung nicht zu brüskieren, um die guten Handelsbeziehungen nicht zu gefährden. Anfang Dezember 2020 wurde in einem Menschenrechtsberichts des Auswärtigen Amts immerhin scharfe Kritik an den Menschenrechtsverletzungen, Überwachungen, Repressionen und Zwangsmaßnahmen gegen die uigurische Minderheit geäußert. Dies ist ein guter Schritt, aber hierbei darf es nicht bleiben.

Wir – und das gilt für jeden von uns – dürfen wirtschaftliche Interessen nicht höher wiegen als Menschenrechte. Wegzuschauen heißt, sich der Mittäterschaft schuldig zu machen. Menschenrechtsverletzungen müssen sanktioniert werden!

Schauen wir auch vor die eigene Haustür. Was wir Europäer*innen uns mit Geflüchteten an den Grenzen, aber auch innerhalb der EU, in Griechenland und auf dem Balkan, erlauben, ist fern jeder Humanität.

Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus muss uns aufrütteln, uns für systematisch Verfolgte einzusetzen, unsere Humanität auf die Probe und unter Beweis zu stellen. Heute und an jedem Tag.«

Erwin Kress, 27. Januar 2021
Vorstandssprecher des Humanistischen Verbandes Deutschlands - Bundesverband

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Erwin Kress
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