Gedenken an Fritz-Naujoks - Freidenker und Widerstandskämpfer

Anlässlich des 125. Geburtstages von Fritz Naujoks wird der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg KdöR am 26. Juni 2021 eine Gedenkveranstaltung durchführen, um an diese zu Unrecht (fast) vergessene Persönlichkeit zu erinnern. Denn es gilt heute und morgen, alle Facetten von Verfolgung und Widerstand während der NS-Zeit wachzuhalten. Fritz Naujoks war während der Nazi-Zeit Widerstandskämpfer und maßgeblich an der Wiedergründung des Freidenkerverbands in Berlin beteiligt.

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Fritz Naujoks: Freidenker und Widerstandskämpfer

Autoren: Manfred Isemeyer/Michael Schmidt

Eine Gedenktafel oder einen Stolperstein für Friedrich Naujoks - von seinen Freund_innen Fritz genannt - gibt es in Neukölln, einem früheren Arbeiterbezirk mit politischer Tradition, nicht. Vielleicht deshalb, weil er zu den Überlebenden des Hitler-Faschismus gehörte und früh starb. Als Mehrfachfunktionär der Arbeiterbewegung leistete er aktiven Widerstand gegen das Nazi-Regime und half, zusammen mit seiner Frau Margarete, Berliner Jüd_innen. "Meine Eltern waren einfach überzeugt von ihrer Arbeit, und sie waren überzeugt, dass diese Nazis Deutschlands Ende bedeuten. Da haben sie sich ganz einfach entsprechend verhalten." (Kurt Naujoks, Sohn von Fritz Naujoks, in einem Interview 1984). Wer war dieser (fast) vergessene Fritz Naujoks?

Geboren wurde er am 26. Juni 1896 als Sohn eines Färbers in Rixdorf (dem späteren Neukölln). Als Dreijähriger verlor er beide Eltern und wuchs bei einer Großmutter auf. Bei der Berliner Firma "Geographisches Institut und Landkartenverlag Julius Straube", die bis zum Ersten Weltkrieg den Markt der Kartografischen Anstalten Berlins dominierte, erlernte Naujoks den Beruf eines Steindruckers. Schon während seiner Lehre trat er dem "Verband der Lithographen, Steindrucker und verwandte Berufe" (VLS) bei, einer Gewerkschaft, die sich um die Organisation von Lehrlingen bemühte. Daneben gehörte der junge Neuköllner der sozialistischen Arbeiterjugend an. Nach Beendigung der Lehre im März 1914 blieb er als Gehilfe in seinem alten Betrieb. Im Mai 1915 wurde er als Soldat eingezogen. Aus politischer Überzeugung verweigerte er Befehle und wurde wegen mehrfacher "Transportverweigerung" zu 18-monatigen Haft verurteilt. Ende Dezember 1916 entlassen fand Naujoks als Drucker sowie als Kopierer bei verschiedenen Berliner Betrieben Arbeit.

Der Gewerkschafter

Im Januar 1921 wählte die Berliner Sektion der Steindrucker den Vierundzwanzigjährigen zu ihrem ehrenamtlichen Vorsitzenden. Seine Kraft als Gewerkschafter setzte er seit 1923 im Tarifamt und der Reichsschiedsstelle für das Lithographie- und Steindruckgewerbe ein. Die Idee eines gemeinsamen Industrieverbandes mit den Buchdruckern, die Naujoks für nicht ausreichend kampfesfreudig hielt, stand er ablehnend gegenüber. Auf dem Verbandstag seiner Gewerkschaft trat der Steindrucker erstmals 1925 auf, als Delegierter nahm er später an internationalen Konferenzen teil. 1929 legte Naujoks eine Prüfung vor dem Oberversicherungsamt ab und arbeitete danach als hauptamtlicher Angestellter der Ortskrankenkasse der Steindrucker und Lithographen Berlin. Im Frühjahr 1933 wurde er sofort von den Nazis entlassen. Für den Verband der Steindrucker fuhr er zweimal illegal nach Amsterdam. Nach Kriegsende nahm er die Gewerkschaftsarbeit wieder auf. Als am 29. Juni 1948 sich Teile der gewerkschaftlich organisierten Drucker vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone trennte, war Naujoks wieder als Vorsitzender des Graphischen Industrie-Verbandes Berlin dabei. In dieser Eigenschaft fundierte er auch als Vorstandsmitglied der Unabhängigen Gewerkschafts-Organisation Gross-Berlin (UGO).

Der Antifaschist

Kurz nach der Machtübernahe der Nationalsozialisten wurde Naujoks für sechs Wochen in Schutzhaft genommen, die er im Polizeigefängnis am Alexanderplatz und in Spandau verbrachte. Nach seiner Entlassung schloss er sich mit anderen politisch bewussten Arbeitern der Neuköllner Widerstandsgruppe "Parole" an. Die Gruppe hatte sich den Namen der gleichnamigen Widerstandszeitschrift gegeben. Sie setzte sich ausschließlich aus Sozialdemokrat_innen zusammen, die Anschluss an die illegale KPD suchten. Die "Parole" wurde in einer Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße 122 (der heutigen Sonnenallee) in einer Auflage von ungefähr 230 Exemp-laren vervielfältigt. Die Untergrundzeitschrift ging durch viele Hände und wurde beispielsweise auf den Toiletten verschiedener Gastwirtschaften abgelegt. Die etwa 100 Personen umfassende Gruppe flog im Februar 1934 auf, ob durch Verrat oder durch Unvorsichtigkeit junger Mitglieder ließ sich nicht zweifelsfrei klären. Die Hauptverantwortlichen der Widerstandsgruppe wurden im März 1935 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Naujoks, der einer ersten Verhaftungsaktionen entgangen war, geriet am 14. Februar 1935 in die Fänge der Gestapo. Die Anklage: Naujoks habe 10 Exemplare der "Parole" erhalten, für die er eine Reichsmark zahlte und die er verbreiten sollte. Dazu kam es jedoch nicht, da seine Frau sie vorher verbrannte. In einem abgetrennten Verfahren verurteilte ihn der 4. Senat des Berliner Kammergerichts am 25. April zu 1 Jahr 6 Monaten wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Seine gewerkschaftlichen Aktivitäten wurden nicht aufgedeckt. Seine Haftstrafe verbüßte Naujoks im Gefängnis Tegel, entlassen wurde er am 25. August 1936 nach Neukölln, Steinmetzstraße 11 (heute: Kienitzer Straße 24). Nunmehr galt er als politisch unzuverlässig und wurde deshalb als "wehrunwürdig" eingestuft.

Nach seiner Entlassung fand Fritz Naujoks wieder eine Anstellung als Flachdrucker, hielt Kontakt zu ehemaligen Gewerkschaftskollegen und setzte seine Widerstandsarbeit unerschrocken fort. Er gehörte zu einem Netzwerk, das überwiegend aus Sozialdemokrat_innen bestand und vor allem verfolgte und untergetauchte Jüd_innen unterstützte. Das vom Ehepaar Naujoks bewohnte Laubengrundstück in Klein-Köris diente Jüd_innen zeitweise als Versteck. Als gelernter Drucker fälschte Naujoks Lebensmittelkarten und sicherte so die Versorgung der Untergetauchten. Für einen jüdischen Mitbürger machte er einen Gefolgschaftsausweis nach, um ihn vor der Deportation zu retten. Die Widerstandsgruppe um Fritz Naujoks traf sich zur Tarnung auf der Pferderennbahn, beim Fußball oder beim Billardspiel. Im Mai 1944 wird der Antifaschist wegen "Passvergehen" und "Judenbegünstigung" zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Als Fritz Naujoks wieder freikam, versteckte er sich sofort. Zu einer weiteren Anklage wegen Wehrkraftzersetzung kurz vor Kriegsende kam es wegen des Einmarsches der Roten Armee in Berlin nicht mehr. Die sozialdemokratisch orientierte Tageszeitung "Telegraf" zählte den Gegner des Nationalsozialismus nach seinem Tod auch zur Widerstandsgruppe um den Gewerkschafter Wilhelm Leuschner.

Der Sozialdemokrat

Politisch schloss sich der zwanzigjährige Fritz Naujoks der Spartakusgruppe an und half als gelernter Drucker bei der Herstellung der "Spartakus-Briefe". Seit 1919 gehörte er der KPD an, die er im März 1921 wieder verließ. 1924 wurde er Mitglied der SPD. Hier leitete der Sozialdemokrat die 110. Abteilung der Partei in Neukölln. Gleich nach Kriegsende setzte die Besatzungsmacht Naujoks von Mai bis Juni 1945 als Bürgermeister in Klein-Köris ein. Auf Wunsch seiner alten Neuköllner Freund_innen zog er nach Berlin, um beim Wiederaufbau der Organisationen der Arbeiterbewegung zu helfen. Sein neuer Wohnsitz war seit 1945 in der Neuköllner Werrastraße 43. Im gleichen Jahr wird Naujoks Mitglied in der SPD, Kreisverband Neukölln, die bald mit 8.000 wieder den alten Mitgliederbestand von 1933 erreichte. Wenig später bestellte die Alliierte Kommandantur Naujoks in Neukölln zum kommissarischen Leiter der Erfassungsstelle für Nazi-Vermögen. Aus der Erfahrung der Niederlage gegen den Faschismus strebte die Neuköllner SPD zunächst eine Einheit der Arbeiterparteien an. Neukölln war der erste Bezirk, in dem am 22. Juni 1945 (eine Woche vor Wiedergründung der SPD) ein paritätisch besetzter Ausschuss von KPD und SPD gebildet wurde. Die Skepsis gegen eine Einheitspartei wurde auch in Neukölln größer. Weil die SPD den Kommunist_innen nun sogar Dogmatismus und Intoleranz vorwarfen, verließ Naujoks seine Partei und wurde 1946 Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei (SED), deren Neuköllner Kreisvorsitzender er wurde und die er bis 1948 als Abgeordneter der Bezirksversammlung Neukölln vertrat. Die Erfahrungen mit sowjetischer und kommunistischer Politik in dieser Zeit veranlassten Naujoks im Januar 1948 aus der SED auszutreten. Am 1. März 1948 erfolgte sein Wiedereintritt in die SPD, in der er zeitweise stellvertretender Vorsitzender der Neuköllner Partei war. Bis zu seinem Tod blieb er Mitglied der SPD.

Der Freidenker

Wann Fritz Naujoks in den Deutschen Freidenker-Verband (DFV) eingetreten ist, ließ sich nicht rekonstruieren, wahrscheinlich aber schon 1921. Hier engagierte er sich, zuletzt – bis zur Zerschlagung des Verbandes durch die Nazis 1933 – als deren Neuköllner Vorsitzender. Auf der Generalversammlung des DFV im April 1930 ergriff er zugunsten des Verbandsvorstandes das Wort; er gehörte zu den debattenfreudigsten Rednern. Nachdem das Freidenkerhaus in der Kreuzberger Gneisenaustraße im März 1933 von der SA besetzt und wenig später der DFV aufgelöst worden war, trafen sich illegal Freidenker-Funktionäre und legten die weitere Arbeit fest. Diese Gruppe bildete den sogenannten Vertrauensring, dem auch Fritz Naujoks angehörte. Durch Handschlag war er verpflichtet, die vier Deckadressen des untergetauchten Vorsitzenden des Verbandes, Max Sievers, strikt geheim zu halten. Von einer anfänglichen Verhaftungswelle von Freidenker_innen blieb Naujoks verschont; an eine Fortsetzung der weltanschaulichen Arbeit war nicht mehr zu denken. Im Auftrag des DFV reiste Naujoks mehrmals ins Ausland zum emigrierten Vorsitzenden Sievers. Dieser wurde 1943 in Nordfrankreich verhaftet und als Widerstandskämpfer am 17. Januar 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden von den Nazis hingerichtet. Am Wiederaufbau des Freidenker-Verbandes in Berlin war Fritz Naujoks maßgeblich beteiligt. Im Mai 1946 fungierte er als 1. Vorsitzender des geschäftsführenden Ausschusses des ehemaligen Freidenker-Verbandes. Die Gründungsarbeiten kamen zunächst aufgrund der politischen Situation nicht voran, weil auch die Alliierten den DFV nicht legalisieren wollten. Im August 1947 konnte unter Beteiligung Naujoks lediglich eine neue Satzung für den Verband erarbeitet werden. Besser lief es mit der Planung von Jugendweihen in Berlin. Der "Vorwärts" berichtete im August 1946, dass sich ehemalige Funktionäre und aktive Mitglieder des früheren Freidenker-Verbandes zwecks Vorbereitung der 1. Groß-Berliner Jugendweihe am 28. August im Sitzungssaal des Freidenkerhauses, Gneisenaustraße 41, treffen. Es konstituierte sich ein zentraler Jugendweihe-Ausschuss, der sich paritätisch aus Mitgliedern der SPD und SED zusammensetzte. Hier vertrat Naujoks zunächst die SED. Naujoks war es auch, der vehement die Fragen von dezentralen Feiern, Redner_innen und Erinnerungsgabe der Jugendweihe vorantrieb. So konnten bereits im Frühjahr 1947 in allen vier Sektoren Berlins 17 Jugendweihen mit über 2.300 Kindern realisiert werden. Im Oktober 1948, im Jahr der Berliner Blockade, berichtete Fritz Naujoks im Freidenker-Ausschuss, dass die SED ihren Mitgliedern in den Jugendweiheausschüssen die weitere Mitarbeit untersagte. Einige SED-Mitglieder erklärten ihren Rücktritt, andere machten als Freidenker weiter. Heinz Westphal, der spätere Vizepräsident des Deutschen Bundestages, sagte im November 1948 Naujoks die Beteiligung der sozialistischen Jugendbewegung "Die Falken" an den Jugendweihen zu. Am 4. Februar 1949 verstarb Fritz Naujoks nach kurzer, schwerer Krankheit. Die Gründungsversammlung des Freidenker-Verbandes am 20. Juni 1949 in der Kreuzberger Wilhelmstraße konnte er nicht mehr miterleben. Seine letzte Ruhestätte fand der Freidenker auf dem Friedhof der St. Jacobi-Gemeinde in der Neuköllner Karl-Marx-Straße.

Quellen

Diese Biographie basiert weitgehend auf Quellen des Landesarchivs Berlin, des Bundesarchivs, des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Archivs des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg KdöR sowie wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Aus Gründen der Lesbarkeit wurde auf einen Anmerkungsteil verzichtet; alle Detailangaben sind jedoch belegt.

Wann?

  • 26 Jun, 11:00 Uhr

Wo?

ehem. Wohnsitz von Fritz Naujoks
Kienitzer Straße
(U Karl-Marx-Straße)
12053 Berlin

Anmeldung: s.hellwig@hvd-bb.de oder 030 61 39 04 35

Mehr Informationen zum Historischen Arbeitskreis (HAK) vom HVD BB finden Sie hier: https://humanistisch.de/x/hvd-bb/inhalte/historischer-arbeitskreis

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