Herr Müller, hoffentlich schlossen Sie den Erzengel Gabriel in Ihr Gebet für Herrn Steudtner mit ein!

Der Regierungschef Berlins betet also im offiziellen Rahmen zu Gott um Fürbitte. Das ist in mehrerer Hinsicht erstaunlich. Zunächst einmal ist es höchst irritierend, eine Person in staatlicher Funktion in direkter Kommunikation zu einem christlichen Gott zu sehen. Nach den vielen Jahren der Fortschritte im Hinblick auf die Trennung von Staat und Kirchen, kann man darin zweifellos einen Rückfall in die alte Logik sehen, dass der Staat vor den Kirchen und Ihren Göttern nicht nur sinnbildlich in die Knie geht. Wenn man schon dieser Logik folgen möchte, bitte ich eindringlich darum, das Gebet an Allah gerichtet zu wiederholen. Die Türkei ist territorial gesehen doch eher das Einflussgebiet jenes Gottes.

Weiterhin hoffe ich, dass Herr Müller nicht den Erzengel Gabriel in seinem Gebet vergessen hat. Dieser Patron der Post sorgt gegebenenfalls noch einmal dafür, dass das Gebet auch an die richtige Stelle kommt. Vielleicht denkt dieser dann auch an seinen irdischen Namensvetter, den Außenminister der Bundesrepublik, Herrn Sigmar Gabriel. So kommt es im Sinne der behördlichen Zuständigkeit wenigstens an den richtigen Adressaten, wenn auch recht umständlich und mit vagem Ausgang, bedenkt man, wie viel einfacher es dank moderner Kommunikationsmittel wäre, Sigmar Gabriel zu erreichen.

Der letzte Grund meines Erstaunens zielt auf die irdischen Wirkungen des Fürbittengebets auf jene, für die gebetet wird. Vor einigen Jahren hat die Harvard Medical School in einer groß angelegten Studie belegt, dass Fürbittgebete die Situation für die Betroffenen verschlimmern. Begründet liegt das darin, dass der Druck auf die Verbesserung der eigenen Situation vergrößert wird, obwohl die Betroffenen zumeist gar keine Möglichkeit der Veränderung haben.

Liebe Leser_innen, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen die Fürbittengebete für Herrn Steudtner, auch weiß ich für die Bedeutung dieser für die Angehörigen und Freunde. Ich möchte auch die schwierige Situation für ihn und seine Kolleg_innen nicht ins Lächerliche ziehen, im Gegenteil. Ihnen muss schleunigst geholfen werden. Ich finde es aber aus mehreren Gründen ein absolut falsches Signal, wenn unsere politischen Verantwortungsträger_innen qua Amt in dieser Situation anfangen zu beten. Ich wünsche mir viel mehr, dass diese all ihre Kraft und Zeit darauf verwenden, realpolitische Lösungen für die in der Türkei inhaftierten Deutschen zu suchen, damit diese schnellstmöglich wieder zu Hause sind.

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David Driese
Leitung der Abteilung Bildung