Wer war Ossip K. Flechtheim?

In Erinnerung und Anerkennung an den Politologen und Zukunftsforscher Prof. Ossip K. Flechtheim als Theoretiker eines modernen Humanismus und langjähriges Mitglied des Humanistischen Verbandes trägt der Flechtheimpreis für Demokratie und Menschenrechte seinen Namen.

Flechtheim (1909-1998) stammte aus einer jüdischen Familie, war aber religiös nicht interessiert. Nach dem Abitur in Düsseldorf studierte er Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten In Freiburg, Paris, Heidelberg, Berlin und Köln. Wegen seiner Mitgliedschaft in der Widerstandsgruppe Neu Beginnen und seiner jüdischen Abstammung wurde er 1933 von den Nazis aus dem Öffentlichen Dienst entlassen. Über Belgien ging er später nach Genf, wo er an der dortigen Universität seine Studien abschloss. Flechtheim emigrierte 1939 in die USA und lehrte hier an verschiedenen Hochschulen. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs trat er in die US-amerikanische Armee ein und kehrte als Lieutenant colonel für einige Monate als Bürochef beim Amt des US-Hauptanklägers für Kriegsverbrechen in Berlin nach Deutschland zurück.

Der Akademiker

Von 1952 lehrte Flechtheim als ordentlicher Professor an der Deutschen Hochschule für Politik. Nach Integration der Einrichtung in die Freie Universität Berlin 1959 erhielt er seine C4-Professour für Politikwissenschaft am dortigen Otto-Suhr-Institut, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1974 bekleidete.

Bereits 1943 in den USA prägte Flechtheim den Begriff der "Futurologie" als systematische und kritische Auseinandersetzung um Zukunftsfragen. 1970 veröffentlichte er sein Werk "Futurologie: Der Kampf um die Zukunft", in dem er sowohl die realsozialistischen Staaten als auch den Kapitalismus kritisierte. In einer emanzipatorischen Gegenbewegung sah er dagegen die Entfaltung, Internationalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft.

Politisch engagierte sich Flechtheim in der SPD (bis 1962) und ab 1981 bei den Grünen. Er war Gründungsmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte, Mitglied des PEN-Clubs, im Konzil der Friedensforscher und im Kuratorium der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung.

Der Freidenker

Flechtheim war Zeit seines Lebens ein freier Denker im wahrsten Sinne des Wortes. Daher war ihm als bekennender Freidenker, der "Religion als Menschenwerk" sah, auch jeder "materialistische Dogmatismus" fremd und wenn er vor der "Gefahr der Dogmen" warnte, dann meinte er auch die Dogmen in den Reihen der Freidenker. Über Freidenkertum nachzudenken, hieß für Flechtheim immer, sich auch scharf von jedem Religionshass abzugrenzen.

Charles Darwin, genau 100 Jahre älter als Flechtheim, war für ihn ein bewundernswerter freier Denker und Humanist, aber zugleich auch ein Kind seines Jahrhunderts:

Der Humanist ist heute skeptischer und bescheidener als sein viktorianischer Vorfahre; er hat ein offenes Ohr für die Kritik, die etwa von christlicher Seite gegen die Hybris bestimmter Formen des Aufklärungsoptimismus und der Wissenschaftsgläubigkeit geltend gemacht worden ist.

Aber Flechtheim fügte sofort hinzu:

Die dogmatisch-metaphysischen Antworten und Aussagen der traditionellen Kirchen erscheinen ihm [dem Humanismus] heute noch weniger glaubwürdig und zeitgemäß als früher.

Davon zu unterscheiden sei jedoch das Bedürfnis des Menschen nach Religion. Flechtheim nahm Marx erst, der eben nicht geschrieben hatte, dass Religion Opium für das Volk, sondern dass Religion das Opium des Volkes sei. Nicht nur ein kleiner Unterschied. Den zu erkennen, hieß freilich weder für Marx noch für Flechtheim, die Kritik der Religion für überflüssig zu erklären.

Der Skeptiker

Auch Flechtheim verwies für die Menschen des 20. Jahrhunderts (und er hätte es sicher auch für die Menschen des 21. Jahrhunderts getan) auf deren "gesellschaftlichen Bedingungen und tiefenpsychologischen Motivationen", die sie "für sich selber auf einen Himmel hoffen und ihrem Gegner die Hölle androhen." Aber dann fallen in dem kurzen Text Flechtheims, mit dem er über die Religion heute nachdachte, die Stichworte, die auch sein übriges Denken immer wieder bestimmen sollten: "Auschwitz" und "Hiroshima". Daher war für Flechtheim klar, dass in einem noch immer nicht zu Ende gekommenen Zeitalter, in dem die Menschheit sich selber vernichten kann, "jede optimistisch-theistische Konzeption zu einem Stein des Anstoßes" wird.

Noch mehr ging Flechtheim jedoch mit kirchlichen Ansprüchen ins Gericht, die dem einzelnen Menschen das selbständige Denken verbieten wollen. Ausdrücklich betonte er, dass ihn – und er traf damit gleich zwei "Großkirchen" ins Mark – der "Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes" an den "Stalin-Kult" des Bolschewismus erinnere.

Auch in diesem Zusammenhang mochte er es sich nicht verkneifen, auf die Frankfurter Leitsätze der CDU nach 1945 zu verweisen, wo es heißt:

Da das christliche Menschenbild in wesentlichen Zügen das gleiche ist, wie es viele Nichtchristen als das einer westlichen Humanität vorschwebt, werden auch sie mit uns zusammengehen können. … Allen Nichtchristen werden sie Duldsamkeit und Achtung entgegenbringen, und sie dürfen daher eine gleiche Haltung auch von ihnen erwarten.

Das Zitat ist auch ein postumer Kommentar zu einer aktuellen Berliner Diskussion, in der von kirchlicher Seite nichtchristlichen Humanisten die Fähigkeit abgesprochen wird, zu einer Wertediskussion einen Beitrag leisten zu können. Auch in diesem Zusammenhang lohnt es immer wieder, die Texte von Flechtheim nachzulesen.

Am Vorabend seines 89. Geburtstages starb Flechtheim in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Dahlem im Feld 2 neben denen seiner politischen Freunde Helmut Gollwitzer und Rudi Dutschke.

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Thomas Hummitzsch
Leitung des Referats für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit